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Wenn ein Schulname Geschichte erzählt – Joseph Schmidt

Es ist schwer für mich dieser Tage, Geschichten zu erzählen. Vielleicht nicht nur dieser Tage, dieser Zeit wäre der bessere Begriff. Ich ringe mit mir, will nicht immer negativ sein, negativ erscheinen und schreibe dann lieber nicht. 
Dann laufe ich die Straße entlang, in Gedanken bei den Dingen, die ich gerade erfuhr und sehe im Wintergrau ein buntes Gebäude: die Joseph-Schmidt-Musikschule.

Joseph Schmidt, kein besonderer Name. Für mich, trotz allem, ein Schmunzeln, trotz seiner Geschichte, seinem Schicksal. 
Joseph Schmidt ist Teil meiner Kindheit, wie sie auch die Comedian Harmonists waren. Die Großtante sang die Lieder, vielleicht spielte auch die Musik. Ich erinnere mich an die Filme, die alten, die schönen, die heile Welt. Die heile Welt, die dann schon keine mehr war für ihn. Damals vor dem Krieg…als die Welt noch in Ordnung war, als man leben konnte.
Joseph Schmidt wurde in Davideni geboren. Ein kleiner Mann mit großer Stimme, Chazan (Kantor) in der Synagoge von Czernowitz, der bald seinen Weg ins Radio und in den Film fand. Seine Größe schloss eine Bühnenkarriere quasi aus. Dank des Radios wurde er weltbekannt. Tourneen brachten ihn über Kontinente. Die Premiere seines Films „Ein Lied geht um die Welt“ fand statt, als er schon längst nicht mehr arbeiten durfte. Am Tag darauf verlässte er Deutschland. Am Tag als die Bücher brannten. Er ging ins Exil nach Österreich, Belgien, Frankreich, versuchte mehrfach in die Schweiz zu fliehen, wurde immer wieder abgewiesen. Irgendwann gelang es ihm. Inzwischen hatten Juden in der Schweiz den Status illegaler Einwanderer. Er wurde interniert. Sein gesundheitlicher Zustand war bereits schlecht. Man verweigerte eine Untersuchung seiner Herzschmerzen. Er starb kurz darauf mit nur 38 Jahren. 
Joseph Schmidt war einer dieser Leute, bei denen die Besucher im Jüdischen Museum erstaunt waren, dass er wirklich Jude sei, wie sie es so oft waren bei den Stars, die da aufgezogen in schwarz/weiß an der Wand hingen. Sie kannten sie alle, nur nicht ihr Leben.
Ich erfuhr seine Geschichte mit den Filmen. Die Großtante erzählte sie mir, wenn ich eingemummelt auf der Couch den Abend vorm Fernseher verbringen durfte. Der Widerspruch zwischen diesen Filmen und der Realität, er war so normal für mich. Vielleicht ist es das, was mich heute rumtreibt, dieser Widerspruch. Er ist nicht gegangen. Wir leben ihn weiter, müssen ihn leben, weil es keine Wahl gibt. Es wird mir immer bewusster.
Geblieben sind sie, die Filme, die Musik und eben die Schule, die seit 11 Jahren seinen Namen trägt und die mich hat an ihn denken lassen. An die heile widersprüchliche Kinderzeit. An das Gefühl auf der Couch. An die Fernsehabende bei Tante und Onkel und an die Geschichten, die erzählt wurden. 
 

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