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Als der Troll aus seiner Höhle kam – Ein Wuttext

Der Troll, ein Phänomen des Internets, der zunächst gefüttert und gestärkt als Kommentator von Zeitungen, in Foren, auf Facebook, Twitter und Co. unterwegs ist hat seine Höhle verlassen. Wir finden ihn heute Montags auf den Straßen dieses Landes und weiter ungebremst, sich gegenseitig verstärkend dort im Netz. Endlich gesehen, endlich gehört werden, endlich wer sein. Das Selbstmitleid in Hass gewandelt. So meine These.
Die FAZ fragte 2014, was einen Troll zu seinem Tun treibt. Warum der Hass im Netz, wozu das Ganze? Der Interviewte sagt:
Gesehen werden, gehört werden, wichtig sein – egal für was. Es spielt keine Rolle.
Ich bin das Selbstmitleid leid. Das Leben ist nicht gerecht. Das Leben ist hart, für einen mehr als für den anderen. Ich kann es nicht mehr hören, das „ich habe das nicht bekommen vom Leben, also hacke ich auf den ein, der schwächer ist als ich, dann fühle ich mich stärker, dann bin ich wer.“ Ein Lied gesunden auf vielerlei Arten: Schulhöfe, Firmen, Religionen, Gesellschaften.
Verdammt noch mal, reißt Euch zusammen. Niemand kann Euer Leben besser machen, es liegt nicht am Chef, nicht am Amt, nicht an der Beziehung. Es liegt allein an Euch. Ihr beschwert Euch, schlecht behandelt zu werden und macht es doch selbst. Hass macht nicht glücklich, machte es noch nie. Er führt immer zu Leid. Eine Teufelsspirale, die Ihr sich immer schneller drehen lasst mit Eurem Pegida, brennenden Flüchtlingsheimen, Hassparteien. Und nein, nicht nur die, die Ihr zu hassen meint, gehen in dieser Spirale unter, alle drehen sich darin dem Abgrund entgegen, vor allem Ihr selbst. Ihr kommt da nicht mehr raus – auch, wenn Ihr denkt, dass jetzt im Aufschwung seid. Schaut in die Geschichte, Hass gewinnt nicht. Er schlägt auf Euch zurück. 
Der Troll, der vor Jahren nur im Internet wütete und so leicht weggeschaltet werden konnte, er ist nun da draußen auf der Straße, getraut sich, seinen Dreck offen auszuspucken und lässt ein Bild der Gesellschaft entstehen, zu dem man nur noch Max Liebermann zitieren möchte: 

„Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“

Das Land der vermeintlich Ungesehenen, Ungehörten, die sich nun (wieder)
Luft machen „dürfen“ und können. Die Reaktionen zunächst Amüsement,
sich lächerlich machen, das geht schon wieder weg, „die Witzfiguren“.
Und nun? Der große Schreck. Und man wundert sich, wo alle waren, als sie Geschichtsunterricht hatten.

Nein, es ist kein neues Phänomen, keine Erfindung der Gegenwart. Wir hatten das alles schon mal, es führte zu Diktaturen. Und es erfüllt mich mit Wut. Und ich empfinde Wut auf dieses Gejammere. Diese Einstellung, dass immer die Anderen etwas ändern müssten, man (sich) selbst aber nicht. Dieses Suhlen im Selbstmitleid ohne einmal zu sehen, welches Glück wir haben in einem Land wie Deutschland leben zu dürfen, welche Freiheiten wir haben, welchen Reichtum. Und ich bin wütend auf die Gründe für diese Gefühle, die Gefühle der Minderwertigkeit, wütend auf Ignoranz. Ich bin wütend auf dieses Hierarchiegebuckele, das zu nichts führt, auf Titelsucht, fehlende Wertschätzungen, Unmöglichkeit von Augenhöhe. Ich bin wütend, dass die Herkunft und Berufe der Eltern noch immer darüber entscheiden, wie weit man selbst kommt im Leben, in der Schulwahl nicht frei ist. Ich bin wütend auf das Land, in dem ein Name, ein Titel mehr zählt als Können. Ich glaubte das längst überwunden. Ich irrte. Und ich bin wütend auf Eltern, die ihren Kindern von klein auf beibringen, dass sie keine Chancen hätten. Vererbte vergebene Leben.
Der Troll, der wieder besseres Wissens, herangezüchtet, er ist nun wieder auf der Straße und wird sich bald in den Parlamenten wiederfinden. Gewählt von anderen Trollen. Er reflektiert nicht, er schwimmt auf der Welle des Hasses und fühlt sich groß, wird er doch endlich wahrgenommen. Dieses Mal muss er gestoppt werden, denn er wird sich nicht auflösen, nicht von selbst. 
Don’t feed the troll!

photo credit: Caution Troll Ahead via photopin (license)

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