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Sehnsucht

Ich liege auf dem Bett, draußen Dunkelheit. Einzelne Lichter spiegeln sich im Wasser, fern…auf dem stillen See. Alles so friedlich, alles so ruhig, fern von allem, perfekt. So könnte die Welt sein, so sollte sie sein. Und ich sehne mich danach, nach solch einer Welt. Es sind diese Momente, diese Stunden, weg von allem, die mich am Leben erhalten. 

Die mich träumen lassen von einer Welt, in der Menschen sich annehmen, wie sie sind, sich nicht schaden. Es ist ein Traumbild, ich weiß es und doch halte ich daran fest. Es könnte sein, es könnte – wenn wir wollten. 
Und dann? Dann gehe ich zum Abendessen und beobachte die Menschen, wie sie umgehen miteinander. Die Paare, die schon lang eingespielt miteinander, die jungen Eltern…ich denke mir Geschichten zu ihnen aus, woher sie kommen, was sie tun und manchmal, manchmal muss ich ihre Gespräche mit anhören und weiß, dass nichts gut sein kann. Ich beobachte, wie sie mit dem Servicepersonal umgehen, ohne ein Auge dafür zu haben, dass es zu wenige Mitarbeiter sind, die sich mühen, rennen und ihr Bestes geben…und behandelt werden, er wäre sie der Bodensatz der Gesellschaft. Ich weiß dann, dass nichts gut sein kann, nichts gut ist, solange so etwas akzeptiert ist. Ich beobachte den älteren Herrn in der Lobby, der das Personal zusammenschnauzt, weil eine Kleinigkeit nicht passt. Die Selbstverständlichkeit: Ihr dient mir, Ihr müsst alles tun, alles ertragen…sie will mir nicht in den Kopf. Und ich verstehe es nicht. 
Was spricht dagegen, freundlich zu sein? Wieso muss jemand dafür büßen, was jemand anderes vielleicht verursacht hat? Woher kommt dieses Verhalten? Wo lernt man diese Missachtung? Wem dient sie? Und was soll besser damit werden? Ich verstehe es nicht. Habe es noch nie verstanden. Diese Hierarchien geschaffen durch Geld. Geld, das so schnell weg sein könnte…
Was muss man tun, dass Menschen einander respektieren, anstatt auf andere hinab zu blicken?  
Ich kann keine Teller auf einem Arm tragen, bewunderte das schon immer, bewundere das Vermögen, sich viele Wünsche zu merken, auch die Merkwüdigsten. Sie bedienen uns, bereiten uns schöne Abende – was sie nicht sind: Eigentum, Sklaven – und doch werden sie so oft so behandelt. 
Ich blicke raus auf den dunklen See. Draußen viele Schilder entlang des Ufers: Privat, Eigentum…sie nehmen die Freude. Das Glück des Sees, es ist nicht für jeden. Es ist privat. Und es sollte es nicht sein. 
Die Freude am See, am Sonnenuntergang, sie ist getrübt…ich sehne mich nach einer perfekten Welt…und ich verliere meinen Glauben daran nicht. Ich weiß alles zu schätzen, jede Sekunde, die ich hier genießen darf. Im Dunkeln sieht man all das nicht. Die Lichter über dem See. Ausblenden, dass es hier nicht viel anders ist, als überall: Ich habe was, Du musst mir unterwürfig sein. 
Am Nebentisch Gespräche, wie man die Einreisebestimmungen umgehen könnte, wen man kennt, wie toll man ist, Hauptsache das Kindermädchen kostet nichts. Man will aber sicher gehen, dass sie nicht wagt, einen anderen Job anzunehmen, habe man ihr Dasein legalisiert. „Ich rede mit Artur, er liebt mich, er findet mich genial, er wird das lösen.“ Es wird durchgerechnet, wieviel sie mehr kosten würde, wenn sie länger als drei Monate, wie bisher arbeiten würde, jetzt ohne Steuern, ohne Sozialabgaben. Man kommt zum Schluss, dass die bisherige Situation günstiger sei. 
Ich fühle mich den guten Geistern der Hotels, der Restaurants näher
als jenen, die bedient werden, alles selbstverständlich nehmend, sich
höher stellend. Sie widern mich an. Beobachte ich sie, höre sie, weiß
ich, dass die Welt nicht besser wird, nicht besser werden kann, solange
solch ein Verhalten gefördert wird, solange es normal ist, nicht hinterfragt wird. Es muss etwas passieren, sehr viel passieren. Die Stille des Sees hat etwas von seiner Ruhe, seiner Freundlichkeit verloren, ich will nur die Lichter sehen im Wasser, die Menschen nicht…

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