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Kein Wissen für jeden

Bücher, Bibliotheken, damit wuchs ich auf. Ich durfte schon früher als zugelassen in die Bibliothek für „die Großen“, da ich die Kinderbibliothek durch hatte, sie mich langweilte, kein Futter mehr fand. Und heute? Geht es mir anders? 

Die Dinge änderten sich. Die Bibliotheken haben nun auch die verbotenen Bücher meiner Kindheit, bieten Bücher in verschiedenen Sprachen, verschiedensten Themen und kommen kaum hinterher, hinter der Bücher- und Wissensflut dieser Zeit.

Wissen für jeden, so proklamiert das Internet. So sollte es sein, so ist es nicht. 
Ein Beispiel: Mein Talent, mich für Themen zu interessieren, deren Buchangebot etwas eingeschränkt sind, betrachte ich inzwischen schon mit Belustigung. Ich setze mich hin, recherchiere, finde voller Begeisterung Titel, die genau das behandeln, was mich interessiert. Ich tippe eben jene Titel in die diversen OPACs ein und finde: nichts. Ich lebe in Berlin. Bibliotheken aller Größen und Angebote sind hier nur das, was mich interessiert, finde ich nicht. Doch ich habe Glück, großes Glück, das andere nicht haben: ich bin eingeschrieben an einer Universität, deren Bibliothek glücklicherweise einen unglaublichen Reichtum an Lizenzen für sonst für den normalen Menschen gesperrten Zeitschriftendatenbanken, Ebookangeboten und Lieferdiensten anbietet. Ich kann tauchen in ein Meer von Wissen und ich muss nichts bezahlen. Geld, das ich nicht hätte. Ich kann forschen, lernen, mein Wissen erweitern, ganz so, wie man es einst erträumte, als das Internet um die Welt ging. Wissen für alle, kostenlos, ohne Grenzen. Doch das bekommt man nur (noch), zahlt man, lädt illegal herunter oder macht sich anderweitig strafbar. 
Ich bin dankbar für diese Bibliothek, für die Freiheit, die ich haben darf. Aber ich weiß auch, dass das ein Privileg ist. Ich werde von anderen gefragt, diese Zugänge zu nutzen, weil eben nicht jeder herankommt. Und ich frage mich warum? Wer, außer den Autoren selbst, kann das Recht haben, Wissen nur für ein limitierten Kreis von Menschen zugänglich zu machen? Wer hat Interesse daran, Wissen, das doch immer als Grundlage für Frieden und Wohlstand angesehen wird zu verhindern? Bildung nur für einen priveligierten Teil der Menschheit? 
Es läuft etwas falsch, ganz gewaltig. Das Wissen der Menschheit, das doch einst in Bibliotheken aufbewahrt wurde, Bibliotheken als Hort des Wissens? Auch das ist vorbei. Bibliotheken haben kaum das Geld, sich die gedruckten Werke anzuschaffe, ganz zu schweigen von den Kosten, die eben jene Datenbanken von ihnen verlangen. Es hat sich etwas gedreht – und das nicht zum Guten. Es macht mir Angt. Wuchs ich auf in einer Welt der verbotenen Bücher, des verbotenen Wissens, so lebe ich nun wieder in einer Welt, in der es das wieder nicht für jeden gibt – wenn auch unter anderem Mantel. 

Und dann gibt es Menschen, die für die Freiheit kämpften:

Ein Kommentar

  1. Shalghar Shalghar

    Früher hatten vielfältige Verlage ein Interesse daran, ihre Waren zu bewerben, auch Fachverlage hatten noch ein Auskommen. Früher gab es noch kostenlose öffentliche Bibliotheken und vor Allem war der Lizenzwahnsinn noch nicht derartig ausgeufert wie heutzutage, wo man aus den alltäglichsten Schriften und Medien durch Zerteilen, Neumischen oder verschiedene Lizenzmodelle für das Minimum an Leistung das Maximum an Profit verlangen möchte.

    So ergibt sich die Zensur zum Einen dadurch das nicht gewinnträchtige Leseware gar nicht erst publiziert wird, obwohl gerade das Ebook in der Verbreitung keine nennenswerten Kosten verursacht.
    Die zweite Form der heutigen Zensur ist politisch, religiös oder sonstwie ideologisch bedingt. Nicht nur durch direkte Unterdrückung, wie im deutschen Internet zum Beispiel die Lutherzitate die seinen Judenhaß sehr deutlich belegen, nicht nur wahrhaft kranke Werke wie die „Chants de Maldoror“ sondern auch alle in vorauseilendem Gehorsam oder zur Vermeidung von Ärger aller Art unterdrückten Schriften, Filme oder Meinungen stellen einen nicht geringen Anteil an den zensierten Werken dar.
    Sehr peinlich, wenn solcherlei Zensur mir als „freiem Deutschen“ nicht erlauben mag zu lesen, auf was ein per Proxy simulierter „unterdrückter Iraner“ sehr wohl Zugriff hat.

    Die schlimmste Form jedoch ist der Lizenzwahn, mit Nebenwirkungen wie der wohlgescholtenen „Abmahnmafia“, wo für noch so allgemeine Erkenntnisse unverhältnismäßig hohe „Nutzungsgebühren“ anfallen.

    Im Endeffekt reduziert sich dann die Beschaffungsmöglichkeit für wahrhaft originelle, nicht „marktkonforme“ Buchware für den Normalsterblichen auf privaten Widerstand, wie zum Beispiel in unserer Gegend die Trödler, Entrümpler, Buchtauschregale im Supermarkt in denen man von Konsalik bis zu Horst-Eberhard Richter so ziemlich Alles finden kann – sofern man sich nach dem Einkauf die Zeit zum Stöbern nimmt.

    Wissensmonopole dienen mehreren Zwecken, nicht nur der Meinungskontrolle und der Zensur, der Geschichtsfälschung und der Sicherstellung der Überlegenheit der Nutznießer sondern auch der Geldmacherei.
    Wo kämen wir denn auch hin wenn für simpelste Grundlagen, die früher frei erlernbar waren nicht teure Kurse erforderlich wären ?

    Mit dem offiziellen Ruf nach der „Wissensgesellschaft“ ist es eher wie mit dem erfundenen „Fackkräftemangel“. Schlagworte die verzerren und verdecken sollen das eben die, die am Lautesten nach Abhilfe rufen die Verursacher der benannten Mißstände sind.

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