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Blumen zum Geburtstag – Gedanken zu #25JahreEinheit

Am 3. Oktober 2015 jährte sich die Deutsche Einheit zum 25 Mal. Ein Tag, der an mir vorbeiging. Trotz seiner Gewichtigkeit bedeutet er mir nicht viel, er ist kontruiert, er ist ein Verwaltungstag. Das Fernsehen birst vor Filmen, Dokumentationen, das Netz ergeht sich in Erinnerungen und auch ich mache mir Gedanken. Ich will eine Geschichte erzählen, eine kleine Geschichte. 

Seit Tagen denke ich darüber nach, was ich erzählen möchte, seit Tagen diese kleine Geschichte, ohne Tiefe, ohne historische Bedeutung und ich weiß nicht, ob ich sie erzählen sollte. Und dann, dann erinnere ich mich daran, wie wichtig auch kleine Geschichte, Anekdoten heute sind, um ein Bild von Geschichte zu zeichnen, das über das der Akten hinwegsieht, um es etwas lebendiger zu machen, alltäglicher vielleicht.

Ich bin im Winter geboren, im tiefen Winter. An meinem Geburtstag soll Schnee gefallen sein, sehr viel Schnee. Es wird in Berlin an diesen Tagen selten wirklich hell. Es ist grau und düster – wie Berlin im Winter ist, wie es schon vor hundert Jahren beschrieben wurde. In dem Land, in dem ich geboren wurde, war es noch dunkler, noch grauer. Ich habe nicht viele Erinnerungen an meinen Geburtstag als Kind. Ich erinnere mich an die Götterspeise in Fischform oder die einzig rote Grütze, die für mich noch immer rote Grütze ist, Pink und griesig…und immer wieder der große Fisch. Das Jahr über hing die Keramikform bei uns in der Küche, an meinem Geburtstag zauberte meine Mutter Fische daraus für die Kinder, die kamen. Das waren meine Blumen, denn Blumen gab es nicht.
Warum Blumen für mich als Kind auch so wichtig waren…ich weiß es nicht. Noch heute habe ich eine geradezu zärtliche Bindung zu Usambaraveilchen und Alpenveilchen. Mit sehr viel Glück bekam ich eine zum Geburtstag. Das dunkle lila der Blüten, das dunkle grün der fleischigpelzigen Blätter, fröhlich ist anders, aber es blühte. Die Alpenveilchen, die nicht überlebten in den zugigen Wohnungen, heute freue ich mich noch mehr, wenn ich sie über die Jahre bekomme. Die Blumen waren Glück. Ich erinnere mich an den Blumenladen um die Ecke, den es noch heute gibt, der leer war im Winter, bis auf ein paar Zimmerpflanzen, für die ich manchmal mein gespartes Geld ausgab. Eine dieser erworbenen exotischen Welten im Blumentopf überlebte den letzten Winter nicht. Es war ein kleiner Weltuntergang für mich. Doch Blumen, wirkliche Blumensträuße, wie sie heute so selbstverständlich sind – die gab es nicht. 
Ich kann mich nicht entsinnen, ob ich zum Geburtstag ’89 in Hamburg Blumen bekam, ich weiß aber, dass ich 1990, nach diesem bedeutungsschweren 3. Oktober und von da an immer Blumen bekam. Überbordende Frühlingssträuße, die den Winter vergessen machen. Es braucht nicht mehr an meinen dunklen Wintergeburtstagen als Blumen, Blumen die ich nie bekam, bekommen konnte. Sie haben Bedeutung für mich, viel mehr als Materielles, mehr als Einladungen, Anstoßen und was man sonst an Geburtstagen macht. Seit 25 Jahren nun bekomme nun ich Blumen zum Geburtstag und sie haben noch immer diese Wichtigkeit für mich. Ich habe nicht vergessen, dass auch Blumen nicht selbstverständlich sind, Blumen im Winter. 
Und so, wenn man mich fragt, was sich noch verändert hat: ich bekomme Blumen zum Geburtstag und kann Blumen schenken. Sie sind das Symbol unseres Überlebens des Systems geworden. Das Symbol ohne Sprache zwischen meiner Mutter und mir – auch sie hat im Winter Geburtstag und bekommt nun Blumen, bunt und wild und Frühling und Leben, Blumen zum Geburtstag im Winter.

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