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Ein irgendwie jüdisches Wochenende

Das vergangene Wochenende war eigentlich ein durch und durch irgendwie jüdisches. Zwar musste ich auf den G’ttesdienst des Egalitären Minjans verzichten, da ich noch brav im Seminar saß, doch durfte der Sonntag überraschend mit bestem Hummus und jeder Menge Ivrith im Ohr beendet werden. Und da wir das Wochenende kurzerhand geistig verlängern, war es doch irgendwie erst gestern abend mit dem Jewish Cultur Day der Böllstiftung beendet. 

Zugegeben, als ich Sonntag durchgeschlaucht aus der Uni kam, war ich nicht zu erfreut, nochmal raus zu müssen, unter Menschen…der Weg war aber nicht weit und die Gesellschaft versprach die netteste zu sein. So ließ ich mich relativ schnell überreden. Wie kann man sein Wochenende besser beenden? Also auf zur Tel Aviv Beach Party! Doch nichts, was irgendwie mit Israel zu tun hat, darf unproblematisch sein. An Taschenkontrollen ist jeder gewohnt, wenn er in Israel war. Ist Israel in Berlin, ist auch das nicht anders. Bei Ankunft aber, mitten in Kreuzberg standen mehrere große Polizeiwagen auf der Straße – zusätzlich zum bereits engagierten Sicherheitsdienst. Eine Gruppe Demonstranten, die Freiheit für Palästina verlangte wurde gerade des Platzes verwiesen. 
Da ziehen Israelis auch deshalb nach Berlin, weil sie mit der Politik der dortigen Regierung nicht einverstanden sind – und hier werden sie, wie wir hier geborenen auch, für diese Politik als Stellvertreter gesehen.
Sobald man allerdings das Gelände betrat, war es so wie immer dort im Club – heute nur mit dem Unterschied, dass man einigermaßen viel Ivrith hörte und vor allem aber nach einigem Chaos im Prozedere wunderbare Spezialiäten vom Restaurant Kanaan kosten. 
Es war ein netter Abend in besagter netter Athmosphäre, mit einem leichten Beigeschmack von „bewacht werden müssen“

Jewish Culture Day Berlin

Gestern Abend nun der „Jewish Culture Day Berlin„. Ausgerufen von der Böll Stiftung, die, so laut eigener Aussage, wenigstens ein wenig die abgesagten Jüdischen Kulturtage Berlin ersetzen wollten. Nun, es war eher ein Abend als ein Tag, der aber nicht weniger spannend war. Kritisch wäre zu fragen, warum das die Gemeinde nicht selbst hinbekommen konnte – aber eigentlich beantwortet sich diese Frag von selbst.

David Solomon

Wer David Solomon einmal erlebt hat, wird es immer wieder wollen – und weiß vor allem, was uns hier als Lehrer fehlt. Ich habe einfach mal ein Video gesucht, in dem er zwar nicht, wie gestern über die „12 minor prophets“ in einer Stunde spricht, aber man gewinnt einen Eindruck. Er ist einfach ein Lehrer, wie man sich ihn wünscht. Ein Lehrer, wie ich ihn mir wünsche und wie wir hier in Europa viel zu wenige haben. Zu verkrampft ist der Umgang mit unserem Erbe.

Teshuva

Was mir besonders von seinem Vortrag blieb, etwas, das ich weiter mit mir tragen werde, war über Teshuva. Ein Wort, das gemeinhin mit dem Monat Elul und der Umkehr zu G’tt, vor allem aber heutzutage mit der „Rückkehr“ zu einem religiösen Leben in Verbindung gebracht wird – zu einem möglichst orthodoxen Leben selbstverständlich.
David verneint diesen Punkt. Er spricht von Hosea und wie er Teshuva versteht und bringt es schlicht auf einen Punkt. Es geht nicht darum Ritualen zu folgen, es geht nicht darum, Tauben zu opfern. Wenn der Tempel weg wäre, was wäre dann gewesen? (Und der Tempel ist nun schon eine Weile weg) und dennoch…G’tt habe nicht gefragt nach diesen Opfern, G’tt wolle von uns nur eines: dass wir freundliche Wesen sind. Er stellt die These auf, dass Götzendienst meist mit sozialer Ungerechtigkeit einhergeht. Mit Teshuva geht es um eine persönliche Transformation zu eben jenem freundlichen, friedlichen, offenen Menschen und am Beginn all dessen steht eine einzige Frage, die ich gern zitiere:

Why am I an asshole?

Wenn wir uns das fragen und sehen, dass das der falsche Weg ist und einen anderen Weg beginnen zu gehen, sei das schlicht alles, was G’tt von uns wolle.
Die Stunde ging leider viel zu schnell zu Ende und wieder merkte ich, was mir so sehr fehlt: Die auch kritische Auseinandersetzung, offen mit unserer Geschichte, unseren Büchern, unserer Lehre.

Diskussion 

Die Diskussion zum jüdischen (künstlerischen) Berlin. Nun ja…sie war etwas zu lang und irgendwie erschien sie mir unvorbereitet. Und dennoch kam mir so vieles bekannt vor, wie z.B. verstand ich es sehr gut, dass Mirna Funk nach allem im letzten Sommer, Aliyah machte. Ein Sommer, der doch bei einigen von uns Narben hinterließ. Olga Grjasnowa erzählte Geschichten aus ihrer Familie, aus gefälschten jüdischen Papieren, um das Land zu verlassen…
Was aber blieb von der Diskussion? Nicht viel, außer zwei mehr Bücher mehr auf meiner Leseliste.

Konzert 

Nach dem Schlagzeilen, dass Matisyhu bei einem spanischen Reggeafestival ausgeladen wurde, war nun die Aufmerksamkeit um so höher, dabei war die Einladung nach Berlin keine Reaktion auf die Ausladung – er wäre auch so gekommen. Und mit ihm schloss mein wunderbares, irgendwie jüdisches Wochenende. Nicht ohne Beigeschmack, dass „wir“ doch immer von der Polizei bewacht werden „müssen“, dass es keine Veranstaltungen dieser Art ohne Sicherheitschecks geben kann und dass wir einfach bei weitem keine Normalität erreichen können.

Und vielleicht gilt zu ergänzen, dass ich mein erstes Album von ihm vor mehr als zehn Jahren kauft – damals, mit Bart und Pejes, ein Chassid der Reggae spielte und quasi eine Sensation in der religiösen Szene…und dann? Abkehr vom chassidischen Judentum, zu dem er als Jugendlicher fand – seiner Musik hat es nicht geschadet…unser aller Leben ändern sich sich dann und wann und andere Wege wollen begangen werden, müssen begangen werden. 

Danke der Böll-Stiftung für diesen Tag/ Abend!

5 Comments

  1. Thomas_U Thomas_U

    Danke für den Bericht! – M’s erste habe ich auch gleich haben wollen…

  2. Noa Noa

    Schoener Bericht. Hoert sich nach einem guten Wochenende an fuer dich und fuer die anderen Teilnehmen. !!!

  3. Hoffmann Hoffmann

    „Gott wolle von uns nur eines: dass wir freundliche Wesen sind“
    Dieses Ziel haben auch viele andere Philosophen schon erkannt, unabhängig von ihrem Glauben und ihren altertümlichen Rythen.
    http://vegetarisch-leben.de

  4. Juna Juna

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich den Vergleich der Lebensdaten Hoseas mit denen der gängingen großen Philosophen empfehlen.

  5. Hoffmann Hoffmann

    Konkret:
    (8,13): „Ihr Opferschlachten und Fleischfressen ist mir ein Gräuel, und der Herr hat kein Gefallen daran, sondern wird ihrer Missetaten gedenken und sie für ihre Missetaten heimsuchen.“
    Schade dass bisher dennoch nur 1% der Bevölkerung bei uns auf tierische Produkte verzichtet und gewaltfrei lebt.

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