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Fluchten

Eine recht häufige Frage ist: Warum sind die Juden nicht einfach vor den Nationalsozialisten geflohen? 
Es gab kein „einfach“. Nicht nur innere Fragen wie Heimat, Zuhause, zu pflegende Angehörige, Nichtglaube, wie schlimm es werden würde, verhinderten Flucht. Vor allem äußere Dinge taten es. Es musste nicht erst die „Reichsfluchtsteuer“ auf den Plan treten, um für Juden eine Flucht unmöglich zu machen. 

Der schwierigste Teil einer Flucht war: ein Land finden, das einen aufnahm. Es wird gern vergessen, dass das allein schon reichte, Deutschland nicht verlassen zu können. Hatte man nicht das Geld für ein Visum, vorzuzeigendes Vermögen, von dem man mangels Arbeitserlaubnis im Fluchtland leben konnte, Bürgen vor Ort etc., so war man quasi chancenlos, konnte nur versuchen, auf illegalen Wegen irgendwo unterzutauchen, sei es in Deutschland selbst, oder im Ausland, so man die Grenze überqueren konnte. Spätestens dann mit der Einführung des J-Stempels in den Pässen war es kaum mehr möglich, ohne gefälschte Papiere unterzutauchen. Es gab nur wenige Orte, für die man kein Visum brauchte, doch waren sie so weit entfernt, dass es hieß, sich eine Passage z.B. nach Südamerika leisten können zu müssen oder aber auf verworrenen Wegen seinen Weg z.B. bis Shanghai zu finden.
Die Flucht aus Deutschland, so sie überlebt wurde, führte nicht immer in eine neue Heimat, manchmal hieß sie auch lebenslange Wanderung, vor allem Brüche in Lebensläufen, die erlernten Berufe wurden nicht anerkannt, nicht gebraucht, oder man hatte schlicht keine Chance mehr, ausgebildet zu werden. Es ging ums Überleben. 

Und heute?

Wenn ich mich heute in Europa umsehe, sehe ich Parallelen. Zu viele Parallelen. Es ist quasi unmöglich, legal auf diesen Kontinent zu kommen, verworrende Wege (wieder), Lebensgefahr (wieder), kaum Chancen (wieder). Und ich frage mich: Haben wir nichts gelernt? Müssen wir wieder zusehen, wie Menschen vor Verfolgung und Tod versuchen zu fliehen, und wir schließen die Tore vor ihren Gesichtern. Wir begründen es, es seien zu viele. Wir denken darüber nach, bestimmte Flüchtlingsgruppen irgendwie zu markieren, um sie schneller erkennen zu können. Wir schicken sie dahin zurück, woher sie geflohen sind und wir sind kalt, einfach nur kalt. 
Vor einem Jahr habe ich viel über Auswanderung nachgedacht. Wohin könne man gehen, was könne man tun. Die Antworten waren schwierig, aber sicher einfacher als für jemanden aus Syrien, der versucht ein neues Leben zu führen und dem gesagt wird, er solle es in Deutschland versuchen, dort sei es gut. Ist es hier gut? Nein, ist es nicht. Wir schließen aus, grenzen ein, be- und verhindern, wir erlauben keine Ausbildung (Bayern) und damit keine Zukunft für jene, die alles hinter sich gelassen haben, um leben zu können, eben eine Zukunft zu haben. 
Ich schäme mich für dieses Land, das selbst vor nicht allzulanger Zeit Menschen aus seinen Reihen verdrängt, vertrieben und ermordet hat. Gerade hier sollte man wissen, dass man eine Verantwortung hat für jene, die ihr Zuhause, Freunde, Familien verlassen, um irgendwo zu versuchen, neu anzufangen. Doch was soll man gleichzeitig erwarten, in einem Land, in dem selbst die „eigenen“ Flüchtlinge, die Deutschen, die nach den Krieg in das neue Deutschland flohen, wie Aussätzige behandelt wurden. 
Wir reden von Fachkräftemangel, die Betriebe beklagen zu wenige Auszubildende. Wir leben in fetten Jahren, machen uns Gedanken, wo wir das letzte Erbe am besten investieren, das Haus verkaufen oder behalten und vergessen so schön bequem, dass es nicht immer so war und nicht immer so bleiben muss. Die Sicht auf die, denen es nicht so geht, wird immer verschwommener, man schaltet ab, will „das Elend nicht sehen“, hat Angst um seine Pfründe. Angst, immer wieder diese „Deutsche Angst“, vor nichts, schon vorsorglich, man weiß ja nie. 
Zum Abschluss eine Karikatur aus dem Haus der Geschichte in Bonn, das 1986 kann man getrost mit 2015 ersetzen. 

 

Nachtrag – Blogger für Flüchtlinge

Unter #BloggerFuerFluechtlinge wird seit einigen Tagen für die Flüchtlingshilfe Moabit gesammelt. Auch ich schließe mich dem an und möchte gleichzeitig auf die anderen Flüchtlingshilfen in Berlin aufmerksam machen, die Spenden für ihre Arbeit brauchen. Auf „fluechtlingshilfe.berlin“ kann man sich einen kurzen Überblick verschaffen. Als geborene und im Herzen Pankowerin möchte ich auf die dortigen Initiativen aufmerksam machen. Unter „Pankow hilft“ wird über alles informiert, was das dortige Netzwerk initiiert. Ich erlaube mir, die Spendenmöglichkeiten hier hin zu kopieren, damit man nicht immer hin und her klicken muss:

Geldspenden

Spenden für Unterstützung und Austausch mit den
Bewohner/innen des Rupert-Neudeck-Hauses in der Storkower Straße können
auf folgendes Konto überweisen werden:

Name: Spenden Storkower Str.
KtoNr: 30 61 405
BLZ: 10020500 (Bank für Sozialwirtschaft)
IBAN: DE 04 100 205 000 003 061 405
BIC: BFSWDE33BER

Spenden für Unterstützung und Austausch mit den
Bewohner/innen der Unterkünfte in Weißensee können auf folgendes Konto
überweisen werden:

Konto des Frei-Zeit-Haus e.V.
IBAN: DE48100205000003513700
Zuwendungszweck: Flüchtlingsunterstützung Berlin Weißensee

Geldspenden für psychosoziale Unterstützung und
Rechtsberatung der Bewohner/innen der Unterkunft in der Straßburger
Straße können auf folgendes Konto überweisen werden:

Empfänger: Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH
Bank für Sozialwirtschaft | BLZ 100 205 00 | Konto 30 61 411
IBAN DE36100205000003061411 | BIC BFSWDE33BER
Verwendungszweck: Spenden Strassburger
(ggf. mit Zusatz für etwas Bestimmtes)

Wenn Sie eine Spendenquittung wünschen, bitten wir Sie, Ihren Namen und Ihre Adresse dazu zu schreiben.

Das Cafe ohne Grenzen hat eine Spendenkampagne über Better
Place gestartet, um gemeinsame Aktivitäten, Speisen und die parallel zum
Cafe stattfindende Rechtsberatung für Geflüchtete zu finanzieren.

http://cafeohnegrenzen.betterplace.org/

Geldspenden für die Unterstützung der anderen Arbeitsbereiche des Unterstützer/innenkreises richten Sie bitte an:

Unabhängiges Jugendzentrum Pankow
Verwendungszweck: Unterstützung Mühlenstraße
IBAN: DE71100205000003079405
BIC: BFSWDE33BER

Wenn Sie eine Spendenquittung wünschen, bitten wir Sie, Ihren Namen und Ihre Adresse dazu zu schreiben.

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