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Äußerlichkeiten

Als ich vor Jahren eine neue Stelle antrat, bekamen die Mitarbeiter gerade eine Schulung zum Thema „Umgang mit Rechts“. Im Nachklang sollten sie eine Übersicht über äußerliche Merkmale bekommen, um gewappnet zu sein. 

Ich sah mir jene Übersicht an und entschied, dass ich sie zwar weitergeben werde, aber nicht ohne Kommentar und vor allem nicht ohne Erweiterungen Auf der Liste standen die bereits damals überkommenen „Zeichen“ wie weiße Schnürsenkel in Springerstiefeln, Londsdale T-Shirts etc…. Es zeigte mir, wie wenig meine neuen Kollegen wussten, wie sehr sie noch in den 90ern verhaftet waren und wie schön einfach man sich alles vorstellte. 
So einfach war es aber weder damals noch heute. Es hatte sich in der Szene viel getan. Und gleichzeitig fand ich es amüsant und auch etwas beängstigend, dass man noch immer glaubte, von Äußerlichkeiten auf die Gesinnung schließen zu können. Meine Erfahrungen waren schon lang andere. Meine Erfahrungen kamen nicht vom Schreibtisch, sie kamen aus der Realität. Längst wusste ich, dass es eben nicht so einfach war. Dass auch der freundlich erscheinende Senior ohne Scheu seinen braunen Müll ausschüttete, loswerden wollte „Was schon immer gesagt werden musste“. 
Als heute die Nachrichten vom Anschlag im Salzhemmendorf kamen und der Bürgermeister sagte: 

„[…] ihm sei auch nichts über Rechtsradikale im Ort bekannt.“

…, musste ich wieder daran denken: Man erkennt den braunen Dreck im Hirn nicht an Springerstiefeln, auch nicht an einschlägigen T-Shirts, nicht an kurzgeschorenem Haar. Der braune Dreck ist unter uns, in allen gesellschaftlichen Schichten, überall. Er traut sich nur immer ungenierter zutage zu treten. So wird mit Klarnamen Hass gepredigt, mit vollständiger Adresse Droh- und Hetzbriefe verfasst. All das, weil es ohne Resonanz bleibt. Weil, wie es scheint, wenn man nicht dem gefälligen Stereotypen eines Neonazis entspricht, ist man keiner. So stürzt man sich gern auch auf den rechtschreibunfägigen Pöbel und amüsiert sich darüber (ich nehme mich nicht aus). Doch das Problem sind nicht diese kleinen Menschen, die jetzt Morgenluft wittern, endlich mal gehört zu werden, ihren Hass aussprechen zu dürfen, all die Demütigungen, die sie selbst, weshalb auch immer empfanden, endlich ablassen zu dürfen, endlich andere erniedrigen. 
Sprung zurück. Anfang der 90er Jahre. Schul(system)wechsel. Am Gymnasium, auf das ich fortan gehen sollte, gab es ein Problem, ein massives. Man tat nichts. Die Schüler kamen zum Großteil aus Familien, die man wohl heute wohlhabend nennen würde. Auch nach der Währungsreform fehlte es ihnen an nichts, die Konten waren reich gefüllt, Arbeit vorhanden. Kein Stereotyp passte, um zu erklären, warum 95% der dortigen Schülerschaft offen rechts waren. Das artikulierten, ihre Parolen auch im Unterricht von sich gaben – und die Lehrer schwiegen. Jenen, die nicht so waren, und wir waren in der Klasse nur drei, wurde empfohlen, die Schule zu verlassen. Nach einem Jahr war ich allein im braunen Sumpf. Nach einem Jahr, gab es eine einzige Reaktion der Schulleitung, nachdem ein Mitschüler direkt vor der Schule fast zu Tode geprügelt wurde von anderen Schülern dieser Schule. Die Reaktion bestand darin, fortan „Palästinensertücher“ an der Schule zu verbieten, um nicht zu provozieren. 
Ein Umzug rettete auch mich bald von dieser Schule. Die Reaktion der Schulleitung, steht für mich bis heute als Synonym dafür, was hier geschieht: Das Opfer ist selbst schuld. Man darf eben nicht provozieren. 
Zurück ins Jahr 2015. Eine mittelgroße Stadt in Thüringen feiert ihr jährliches Stadtfest. Man hat die Organisation an ein privates Unternehmen übertragen. Ein lokaler Verein, der gerade den Preis für Demokratie des Landes erhielt, hat hier auch auf dem Fest immer einen Stand, um über seine Arbeit zu informieren. In diesem Jahr wird ihnen ein Stand verboten – um Rechtsradikale nicht zu provozieren. 
Demonstrationen gegen den braunen Mob – Menschen, die sich aufmachen, sich dem entgegenzustellen. Menschen, die zeigen wollen, dass wir ein anderes Deutschland sind. Ihnen wird vorgeworfen, zu provozieren… man muss das nicht weiter ausführen. Es spricht für sich. 
Wer provoziert hier eigentlich wen?
Man erkennt nie, was in den Köpfen der Leute vor sich geht. Der Hass, der umgeht und von vielen als neu empfunden wird, ist nicht neu. Er war da, er war nie weg. Er artikuliert sich heute als vor Fehlern strotzender Kommentar in den sozialen Netzen, er artikuliert sich beim bürgerlichen Abendessen, an Stammtischen, in Schulen, in Museen. Er ist überall. Und jetzt, jetzt darf man ja endlich mal. Man verklausuliert den Mist, den Rassismus im Kopf gern in scheinbar gebildete Floskeln und erkennt nicht, dass hier nichts anders ist. Es ist nie die Art der Worte, es ist der Inhalt. 
Hört endlich auf zu glauben, man erkennt die Gesinnung am Äußeren, am sogenannten Bildungsstand, am Titel oder Herkunft. Das ist Selbstbetrug – ein so bequemer. 

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