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Freitag – und irgendwie fehlt (endlich wieder) was

Seit Jahren schon habe ich keine Synagoge mehr besucht, keine Betergruppe, keinen Shiur, nichts. Warum? Es gab schlicht nicht mehr das, was ich suchte, wo ich mich zuhause fühlte.

Ich bin wohl schlicht zu liberal geprägt für dieses Judentum in Berlin. Ich bin geprägt durch Offenheit, Experimente, Musik. All das fand ich in der Internationalität, die man mal in den Synagogen hier fand. In der Oranienburger Straße fanden die G’ttesdienste in mindestens drei Sprachen statt: Deutsch, Englisch, Hebräisch. Die Beter gestalteten sie selbst. Jeder las in der der Sprache, die ihm die nächste war. Wir sprachen über das, was wir lasen, versuchten zu verstehen, hinterfragten…. all das gibt es nicht mehr. Bereits seit Jahren. Die G’ttesdienste in der Synagoge sind noch immer schön. Es sind die alten Rituale, die Kantorin gibt ihr wöchentliches Konzert. Hebräisch ist die Sprache dieser Stunden. Es ist nicht mehr mein Zuhause. Mir fehlt das Leben. Und so, nachdem ich zu alt wurde für die wunderbaren Treffen von Jung und Jüdisch verlor ich immer mehr das, was mich doch zum Judentum zurückführte. Ich wurde zur Drei-Tages-Jüdin und irgendwann zu – ich weiß es gar nicht. Es war nur noch in mir, das Judentum. Ich war weg von der Gemeinde, von allem und trug doch immer diese Sehnsucht in mir. Diese Freitag Abende in der Synagoge, die für mich Wochenabschluss waren, oft gehetzt kam ich gerade noch zur rechten Zeit, hetzte durch die Sicherheitskontrollen und die Treppen hoch, die ersten Gebete noch außer Atem und verschwitzt…doch dann? Dann setzte es ein, was andere in Meditation, in Yoga suchen: Ruhe. 
Ich habe nun seit dreieinhalb Jahren keine Synagoge mehr besucht, auch nicht mehr zu den Hohen Feiertagen. Ich habe kaptituliert in Berlin mit seinen vielen Synagogen, mit seinen viele Ausrichtungen von Orthodox bis Konservativ egalitär, von aschkenasisch bis sephardisch. Alles nicht mehr meines. Ich hörte von kleinen Gruppen, zu weit weg oder zu außerhalb meiner Möglichkeiten. Ich war heimatlos in dieser größten jüdischen Gemeinde. Ich war nicht allen. 
Dann zum Frühling eine Email, ein neuer egalitärer Minjan würde sich zusammenfinden. Man will es es als Experiment begreifen, andere Wege gehen. Von Tanzen, wie in anderen Gruppen, stand nichts, also, wäre es kein Risiko, es mal anzusehen. 
Die ersten Termine musste ich verstreichen lassen, ich war schlicht nicht im Land. Dann die Nachricht auf Facebook, dass man sich nun am 12. Juni auch treffen würde, zum 2. Jazz-Schabbes. Der Kalender war frei, es war ein schöner Sommerabend, ich setzte mich aufs Rad und fuhr in die Mendelssohn Remise.
Es war ein Abend, der die Dinge verändern sollte: ich war wieder zu hause. 
Die Gruppe von etwa 30 anderen Betern allen Alters erinnerte mich an diese erste Zeit in der Oranienburger Straße. Es war schön, es war international, es waren wunderbare Melodien, mit Flora Polnauer eine Stimme, die einfach Freude verkündete und die ich nur drei Tage später beim Konzert von „Rabbi Rothschild & The Minyan Boys“ im bflat wieder hören durfte. Flora hielt hier nicht ihr eigenes Konzert ab, sie sang mit uns, leitete an und verbreitete einfach so viel Liebe zu den Melodien und setzte ihre Schwerpunkte. So ihr Hinweis, dass dieses eine Gebet heute wichtiger als je sei und wir diesen einen Teil mehrfach wiederholten: 

„[…] und breite über uns aus die Decke Deines Friedens“

Wie recht sie hatte….
Und bei mir? Erst unsicher, ob mein Hebräisch noch nicht zu sehr eingerostet sei, war doch alles wieder da, als wäre ich nie weg gewesen. Und die Ruhe, die Ruhe war wieder da. Das Wissen, ich bin zuhause. Das war und bin ich wieder. Und heute, heute fehlt etwas. Der Minyan trifft sich nur etwa einmal monatlich. Das nächste Mal am 31. Juli. 

Illigaritärer Minjan? 

Es wäre zu schön, wäre in Berlins jüdischer Infrastruktur alles so wunderbar, wie ich es mir wünschen würde. So ist es offensichtlich nicht. Die kleine Gruppe wird offensichtlich als gefährlich angesehen. Warum? Das frage ich mich auch. Hat man Angst, dass die Mitglieder wegliefen? Nun, ich bin schon lange weg….Ist die Gruppe wirklich Konkurrenz? Ja, ist sie. Aber nur, weil es ähnliche Angebote nicht gibt. Weil die Gründer und Beter DAS eben suchen und die „offizielle“ Berliner Gemeinde es nicht anbietet. Es wird hier Vieles vorgeworfen und man darf sich wundern und fühlt sich erinnert. Es hat sich nichts geändert in Berlin, in dieser Gemeinde.
Es geht hier aber noch um mehr. Es geht um Personen, die man bekämpft, geradezu hasst. So ist es kein Geheimnis, dass Rabbiner Dr. Walter Rothschild nicht gerade gern gelitten ist in Berliner Kreisen. Andere Rabbiner, die sich zunächst auch bereit erklärten, im egalitären Minjan zu wirken, zogen sich offensichtlich auf Druck von außen wieder zurück. Teilnehmer wurden bedroht. Und man sitzt da und hört all das und fragt sich: sollte es nicht wichtiger sein für eine Gemeinde, dass sie wissen, so Menschen wiederzugewinnen, die doch schon längst weg waren? Die Karteileichen sind, so wie ich? 

Warum zahlen, wenn ich doch Gemeindesteuer zahle?

Der Minjan kostet weder der Gemeinde etwas noch den Gemeindemitgliedern. Er kostet den Teilnehmern 15 Euro pro Abend. 15 angemessene Euro für die es einen wunderbaren G’ttesdienst gibt. Die Miete will bezahlt sein, Kerzen, Wein und der sehr reichliche Kiddusch auch. 
Warum wird eigentlich erwartet, dass wir alles kostenlos bekommen? Und ist es wirklich so? Wir müssen auch an den hohen Feiertagen noch einmal extra bezahlen, um hineingelassen zu werden. Egal, ob wir Gemeindesteuern zahlen oder nicht. Und was ist überhaupt mit all den Menschen, die aus sehr verständlichen Gründen nicht Gemeindemitglieder sein wollen?
Ich persönlich zahle das Geld gern und bin dankbar, dass sich Menschen wie Noa Laron und Max Doehlemann fanden und es einfach organisiert haben ohne zu wissen, ob das Experiment klappt. Bisher klappt es. Ich hoffe sehr, dass sich noch mehr Menschen finden, die vielleicht schauen, ob sie hier wieder ein Zuhause für den Schabbat finden, die bereit sind auch anderes auszuprobieren, zu lernen und zu erfahren und abseits der Gemeindewelten jüdisches Leben leben wollen. 
Termine findet man einfach in der Facebook Gruppe. Es ist noch alles ein Experiment – eines, was hoffentlich gelingt. Doch dazu braucht es Menschen, die mitgestalten wollen. Die den Schritt wagen und einfach dabei sind. Also, nur Mut. Und dann? Dann gibt es wieder diese Freitag Abende, an denen man wünschte, man könnte zum G’ttesdienst gehen, in die Mendelssohn Remise, oder wohin uns der Weg auch führt. 
Und mal ehrlich: in welcher Synagoge singt man schon Adon Olam auf die Mackie Messer Melodie? 

2 Kommentare

  1. Hooper Hooper

    Ich bin sicher kein Fan von Rabbi Rothschild und dieser Minyan wäre nicht meins. Aber ich bin sehr dafür, daß jeder nach seiner Facon glücklich wird und bin auch sehr, sehr dafür, daß es mehr und mehr „nichtinstutionelle“ Synagogen gibt, wie es im Gemeindeblättchen so schön heisst. Das bedeutet aber auch, daß die Beter finanziell und sonstwie Engagenement und Verantwortung zeigen müssen. Dies können sie aber nur lernen in unabhängigen Minyanim, die ausserhalb der Einheitsgemeinde experimentell und eigenverantwortlich sich selbst übernehmen. Denn wenn die Gemeinde seit Jahrzehnten den Betern eine „Rundumversorgung“ anbietet, führt dies bei den meisten Menschen zu einer „nehmenden“ Stagnation. Einsatz, Engagement oder gar eigene Ideen sind im Packet „Einheitsgemeinde“ nicht enthalten. Sie werden nicht gefördert und sind eigentlich gar nicht gewünscht. Darum ist eigentlich der Weg ausserhalb der Institutionen der Weg für all diejenigen, die etwas anderes suchen als in den bürgerlichen, eingeschlafenen Minyanim der Einheitsgemeinde zu finden ist.
    Ich kenne die Oranienburgerstrasse nur vom hören-sagen, aber was ist nun der Unterschied zwischen dem egalitären Minyan dort und dem Minyan in der Remise?
    Nur die Musik – hier die getragene Kantoralmusik des 19. Jahrhunderts und dort Dixie? Oder „hebräisch only“ versus deutsch? Was gibt es sonst noch für Unterschiede?
    Wie auch immer, ich hoffe, der Minyan wird die Hoffnungen seiner Beter erfüllen – und nicht nur dazu dienen, daß ein paar Leute ihre Bühne finden.

  2. Juna Juna

    Sehr schön auf den Punkt gebracht, danke dafür. Und wie gesagt, es ist ja kein Rothschild Minjan, im Gegenteil. Nur wenn andere Rabbiner unter Druck gesetzt werden, dort zu amtieren. Muss man wirklich Mut haben müssen, letztendlich nur seinen Job machen zu können?

    Zur Frage: In der O-Straße gibt es keine Orgel. Ich empfand es über die Jahre dort konservativer werdend. Ich bin eben doch eher Reform als Masorti 😉 . Ich mag die Internationalität, die es ermöglicht, auch ohne Deutsch- und Hebräischkenntnisse teilzunehmen. Natürlich gibt es in der Stadt mehrere egalitäre Minjamin, so ist die Synagoge am Hüttenweg ja auch egalitär und IN der Gemeinde und andere freie Gruppen auch. Insofern ist der Minjan in der Remise kein Unterschied. Ich persönlich mag es vielleicht auch von der Stimmung dort eher. Es fühlt sich offener an, fühlt sich nach wirklichem Lernen an und nicht nach „wir machen es, wie wir es immer machten“. Und vielleicht spielt auch ein großer Teil persönliche Schwingungen mit. Es sind einfach Menschen, die sich treffen, um Schabbat zu feiern, nicht, weil man eben dahingehen muss, um gesehen zu werden, um „beim richtigen Rabbi“ zu sein oder sonstiges, was m.E. noch immer zu sehr eine Rolle spielt. Ich glaube daran, dass diese selbstorganisierten Gruppen die Zukunft sein werden. Das System Einheitsgemeinde hat sich auch durch seine internen Machtspiele selbst zerlegt. Schade drum. Ich habe daran geglaubt. Aber vermutlich menschelt es zu sehr.

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