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Der Titel „Antifaschist“ als Aufwertung von Opfern?

Bundesarchiv Bild 183-G1122-0600-047, Deutschland, JudenverfolgungEigentlich dachte ich, das Thema sei endlich vorbei. Wir leben jetzt seit 26 Jahren in einem Land, in dem es kein Geheimnis mehr ist, wer verfolgt wurde und unter welchen Umständen. In einem Land, in dem nicht nur der „Widerstandskämpfer“ und „Antifaschist“ als Opfer des Nationalsozialismus zählen. Ich sollte mich irren.

Gehen wir etwas weiter zurück, in meine Schulzeit, die in diesem Punkt sicher nicht exemplarisch war für die Schulen in der DDR. Wenn man auf eine Schule geht, die nach Janusz Korczak benannt war, konnte man im Unterricht schlecht umhin, auch etwas von Judenverfolgung und -vernichtung zu berichten, vielleicht das Thema auch zentraler zu gestalten, als es üblich war an den Schulen der DDR. Dennoch wurden wie überall an den Feiertagen die üblichen Widerstandskämpfer aufgefahren, die uns gemahnten für den Frieden einzustehen, zu kämpfen gegen den Kapitalismus usw.. Der Widerstandskämpfer, der Antifaschist per se war die erste Garde der Opfer des Nationalsozialismus im DDR Gewissen und bis heute dem der Linken. Mir war das immer merkwürdig. Ich fragte schon damals nach den Relationen. Die Zahlen der Opfer waren bekannt. An Antworten kann ich mich nicht erinnern, sie waren wohl nicht befriedigend für meinen Wissensdurst.

Juden wurden in der DDR sehr wohl als „Opfer des Naziregimes“ anerkannt, zählten sonst aber nichts im kollektiven Gedächtnis. Es änderte sich etwas ab den späten 80jahren, da man ja plötzlich auch wieder begann die repräsentativen Synagogen wieder aufzubauen und in den Ministerien „seine Juden“ zu entdecken. Warum und wieso ist kein Geheimnis, so erhoffte man Devisen von den amerikanischen Juden. Klingelt es da in Sachen Vorurteilen? Nun, bei mir schon. 
Gestern nun stolperte ich auf Twitter auf diesen Tweet hier, der mich seit dem nicht mehr ruhen lässt: 

 
Die Geschichte ist keine neue, nur hat Frau Dr. Rapoport nun auch ihren Titel erhalten. Ein Fest für die Linke. Nun ja, man möge mir meinen Zynismus nachsehen. Ich weiß nicht, was es hier zu feiern gäbe, es ist beschämend, nicht nur für die Universität, auch für das Land. Frau Rapoport hat ihr Leben übrigens nicht titellos verbringen müssen, das nur nebenher. 
Allerdings möchte ich bei einem, immer wieder und ständig „Einspruch!“ rufen. Das Ansinnen, des Twitterers T. Frau Rapaport als Antifaschistin und daher Verfolgte hinzustellen zeigt wieder das typische Verhalten, das man doch hoffte überwunden zu haben. Frau Rapoport ist Jüdin und wurde deshalb verfolgt. Ihr wurde der Titel nicht verwehrt, weil sie Linke war oder Antifaschistin sondern vielmehr für etwas, für das sie keine Wahl hatte: ihre Abstammung. Sie konnte bereits vor der Pogromnacht emigrieren und verbrachte lange Jahre als Ärztin in den USA, die sie nicht verließ, weil sie Widerstandskämpferin war, sonder vielmehr, weil sie fürchteten, dass ihr Mann ins Visier McCarthys geriet. Die erste Wahl der Familie, war auch nicht Ostberlin oder gar die DDR Heimat, sondern Wien. Samuel Rapoport erhielt 1952 einen Ruf an die Humboldt Universität und so siedelte man in die DDR über.

Natürlich gab es Juden im Widerstand. Natürlich gab es antifaschistische Juden. Und genauso natürlich gab es auch Juden, die anfänglich begeistert waren von der neuen Ordnung, die da das Land zu ergreifen schien. Die Befreiung vom Joch der Versailler Verträge.
Was allerdings Juden, Roma, Sinti und andere unterschied, von jenen, die im wirklich im Widerstand waren: sie mussten nichts tun, um ermordet zu werden. Sie wurden deportiert und ermordet, gelang ihnen nicht die Flucht. Wir wollen daher bitte auch bei der Linken, die Dinge beim Namen nennen: Juden wurden verfolgt, weil sie Juden waren, nicht, weil man in der DDR Antifaschisten aus ihnen machte (war man ihnen wohlgesonnen). Es mag Ihnen nicht gefallen, so ist es aber. Es wird Zeit, dass Sie den Tatsachen in die Augen sehen. Schauen Sie sich vielleicht auch zum Vergleich die Geschichte der Familie Leo an, es gibt da ein ganz hervorragendes Buch, von dem ich hier schon mal schrieb.

Es erinnert mich auch an die Geschichte einer Bekannten, deren Familie ihre jüdische Abstammung derartig hinter den Antifaschismus stellten, dass sie selbiges auf den Grabstein der Großmutter meißeln ließen. Die Großmutter war ebenfalls nur eines: Jüdin. Sie war nie im Widerstand, nicht kämpferisch. Nur die Enkelin spricht heute darüber, nur die Enkelin hat die (jüdische) Familiengeschichte erforscht. Es ist ein Tabu in der Familie – wie in vielen anderen auch. Die Großmutter wurde verfolgt nicht wegen ihrer Taten, sondern wegen ihrer Abstammung. Sie hatte Glück, sie überlebte. Frau Rapoport hatte ebenso Glück, mehr Glück als andere. Sie konnte fliehen und ihren Abschluss in den USA machen, sie machte Karriere und sie hatte letztlich ein gutes Leben in der DDR. Dieses Glück hatten nur wenige. Jüdisches Leben in der DDR…es ist ein anderes Kapitel, und kein schönes. Juden in der DDR…ein noch viel unschöneres Kapitel…

Und bei mir? Ich habe eben diesen kommunistischen Urgroßvater, der ein Kämpfer war und sich nie hat die Stimme verbieten lassen. Er durchwanderte KZs bis er verschwand. Es gibt keine Spuren von ihm. Und er schützte uns dennoch zum Teil in der DDR. Davon bin ich bis heute überzeugt. Nur war er eines nicht: Jude.

Nicht zuletzt aber, und das aus vollem Herzen: Herzlichen Glückwunsch, Frau Dr. Rapoport!

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