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Bizim Bakkal – oder noch so ein Gemüsehändler, den niemand braucht?

Bizim Kiez – Website
Seit über drei Jahren wohne ich nun schon hier…auf diesem Grenzland, diesem ehemaligen. Was ich mochte, als ich hier her zog? Es war noch normal. Diese Ecke Berlins um Wrangel- und Cuvrystraße war noch irgendwie Berlin – vielleicht ein wenig so, wie ich mir das normale Kreuzberg immer vorstellte. Architektenverfehlungen, die in jede leere Ecke gequetscht wurden suchte man hier noch vergeblich. Die Menschen waren entspannt, man lebte dieses „Multikulti“, was doch immer so gepriesen wurde und hier gab es sie noch: den Schuster, den (nicht so hippen) Plattenladen, den Fischladen, Buchladen, Gemüsemann….alles, was man zum Leben braucht.

Das soll sich nun ändern. Die ersten Versuche der Verwandlung merkten wir im Kiez, als eine große Bioladenkette sich in eine ehemalige Bank einmietete und gleich noch die Flächen der Textilreinigung nebenan. Frau Scheffler, deren Betreiberin wurde nicht gefragt. Ein Sturm der Entrüstung ging los. Die Biokette reagierte erst patzig, lenkte dann doch aber ein. Frau Scheffler war eine Institution im Bezirk. Kreuzberg ohne Frau Scheffler ging nicht. Frau Scheffler durfte bleiben. Dass heute den Laden jemand anderes betreibt, hat andere Gründe – Frau Scheffler wäre geblieben. 
Genau so ist es mit dem Laden Bizim Bakkal. Ein echter Gemüsehändler, so wie ich ihn vermisste. Kein Schischi, kein Schnickschnack. Einfach nur Auswahl, ein Lächeln und nebenan türkische Spezialitäten, und sei es nur die getrockneten Feigen oder etwas Weißkäse. Ich mag den Laden, mag den Chef und lernte schnell, dass auch er eine Institution ist. Seit 28 Jahren betreibt er den Laden. Er ist Teil dieser Ecke Kreuzbergs, er ist ein Teil der Lebensqualität, die auch nun zerstört werden soll. Erst im letzten Jahr hat er den Minisupermarkt ausgebaut, erneuert und nun, alles vorbei? Geht es nach den Eigentümern den Hauses: Ja. Vermutlich hat man schon neue Interessenten, irgendein weiterer Dekoladen oder Kaffeebude. Wie das aussieht, haben wir ja in Pankow vor nur wenigen Jahren beobachten dürfen, von Prenzlauer Berg und Friedrichshain sprechen wir nicht. 
Ich habe Angst vor dem, was hier im Kiez vorgeht. Ich habe Angst, dass die Lebensqualität von echter Stadt verloren geht. Ich habe Angst, dass ich das Lächeln nicht mehr sehe, wenn ich meine Pfirsiche kaufe. 
Kreuzberg wäre nicht Kreuzberg, hätte sich nicht schon etwas getan. So regt sich die Nachbarschaft und der benachbarte Einzelhandel. Überall hängen Banner, Plakate, Aufkleber. Auch einen eigenen Blog und regelmäßige Aktionen gibt es. 
Es geht hier um mehr als „nur einen Gemüseladen“, es geht um eine Existenz und es geht um gesunde Strukturen in der Nachbarschaft. Wir alle wissen gut genug, dass das nur den Anfang bedeutet, von etwas, was Verdrängung heißt. 
Deshalb, selbst, wenn man nicht dort wohnt, wenn man nicht die Kirschen aus dem Laden nascht, sollte man die Sache unterstützen.
 Aus Prinzip, aus Menschlichkeit und aus Liebe zu Berlin.

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