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Judentum – eine Religion, die ausschließt?

Vor ein paar Wochen wurde ich Zeuge eines Gespräches „über Juden“. Man wusste und ahnte wohl nichts von meinem Hintergrund. Es wurde von einem Zeitzeugen berichtet, mit dem die Organisation zu den Gedenktagen immer recht schwierig sei, da er orthodoxer Jude sei. Meine Antennen richteten sich in Richtung des Gesprächs. Das Problem sei vor allem, dass er sich am Schabbat nicht bewegen würde. Was genau das Problem daran sei, verstand ich nicht. Ich fragte auch nicht nach. Gelegentlich ist es auch interessant, einfach Mäuschen zu sein und zu erfahren, was man denn so redet. Was mich dann aber doch stutzen ließ und vor allem bis jetzt nachdenklich werden ließ war die Schlussfolgerung, dass Judentum eine Religion sei, die ausschließe. 
Seit dem denke ich darüber nach und frage mich, ob das wirklich so ist? Schließt Judentum per se andere aus und schließt sich selbst ebenso aus aus der Gesellschaft? Oder ist es nicht viel mehr so, dass die Gesellschaft Menschen mit anderen Lebensrhythmen ausschließt?
Und hat es nicht andererseits auch Gründe, warum wir unsere Gebäude weiter abschirmen müssen? Leider? So sehr ich mir wünschte, die Synagogen könnten offene Häuser sein, wie Kirchen? Die letzten Jahre bewiesen leider, dass es nicht geht. Dass wir noch immer auch sichtbar in diesem Sonderstatus leben müssen, nur weil es Einzelnen nicht gefällt, dass wir da sind. 
Erinnere ich mich an die Zeit, in der ich religiöser bzw. religiös lebte. Ich fühlte mich selbst auch eingeschränkt. Ich fühlte mich eingeschränkt und ausgeschlossen, da ich unter der Woche zeitlich nicht in der Lage war, Lebensmittel einzukaufen, der Schabbat war tabu für Einkäufe und Sonntag? Sonntag, wo ich wirklich Zeit gehabt hätte? Sonntag sonnte sich das Land in einer pseudoreligiösen Sonntagsruhe, auf die kaum jemand – zumindest in Berlin – Wert legte. Ich wohnte damals neben einer Kirche und beobachtete das dortige Treiben oder eben nicht Treiben. Dies sei nur ein Beispiel.
So schließt also dieser Mann niemanden aus, auch schließt er sich nicht selbst aus. Er achtet seinen Ruhetag und ist mit Sicherheit am Sonntag, wenn der gewöhnliche Bürobewohner spätestens keinen Finger mehr rühren will mit Sicherheit zu mehr aufgelegt – nur wird sich dann kaum jemand finden.
Oder nehmen wir das Einkaufen an sich. Als observanter Jude in Deutschland bleibt zum Einkauf, so man Glück hat und in einer größeren Stadt lebt, der (meist sehr teure) koschere Laden. Die Auswahl dort ist eingeschränkt. Es gäbe da noch den einen oder anderen Versand oder man geht mit der sogenannten Koscherliste in einen normalen Supermarkt. Nach einigen Einkäufen weiß man in etwa, was als koscher gelistet ist – allerdings ändert sich das auch gern hin und wieder. Man muss also immer auf der Hut sein. Ich stelle hier nicht die Frage, warum man sich koscher ernährt. Sie ist ebenso überflüssig, wie die Frage, warum sich jemand vegan ernährt. Es ist eine persönliche Entscheidung, die es zu respektieren gilt. So wird einem also von außen ein Problem auferlegt, dass es, so meine Erfahrung, in anderen Ländern nicht gibt. Da findet man in den normalen Geschäften das Koscherzeichen in seinen wunderbaren verschiedensten Designs auf den Produkten in den Geschäften, ähnlich dem Veganzeichen, Laktosefrei, Halal oder wie hier dem Grünen Punkt. Nun mag man argumentieren, dass es sich für Firmen zahlenmäßig nicht lohne, dieses Zeichen auch in Deutschland auf ihre Produkte drucken zu lassen. Ja, daran denke ich auch oft. Gerade für kleine Firmen ist es auch schwierig und vor allem teuer, zertifiziert zu werden. ABER: man blättere in der Koscherliste und siehe nach, dass es sich fast nur um die Marktführer handelt, für die der Aufdruck, den sie außerhalb Deutschlands schon führen, kein Problem sein sollte.
So schlösse man nicht aus, sondern betrachtet Juden, Muslims, Hindus, Veganer, Laktoseintolerante und und alle anderen als das, was sie sind: Teile einer Gesellschaft, die eben unterschiedlich ist. In der nicht alle nach einem vorgegeben Rhythmus leben, in dem aber alle an alle denken und ihre gelegentlich andersartigen Eigenarten achten.
Und Menschen, die ausschließen wollen, sich vielleicht wohler allein fühlen oder in festen Strukturen, die sie kennen, in denen sie sich sicher fühlen, möge man das lassen. Sie mögen es allerdings andersherum auch freundlich kommunizieren.
Eine Stadt besteht aus unterschiedlichen Arten von Menschen, ähnliche Menschen bringen keine Stadt zuwege. (Aristoteles)

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