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„Das Requiem für einen polnischen Jungen“ und die seltsame Vereinnahmung durch eine Stadt

Die Feiern zum 70. Jahrestag der Befreiung sind deutschlandweit im Gange. Quasi jedes Wochenende finden bewegende Veranstaltungen in den Gedenkstätten statt, oft zum letzten Mal mit Überlebenden dieser Orte des Grauens. Und immer wieder wird daran erinnert, wie wichtig die Erinnerung sei, das Nichtvergessen.
Steht man abseits der Planungen, Vorbereitungen und kann sich ganz dem Moment hingeben sieht man Dinge, die mehr als merkwürdig, die gefühllos, unbedacht und absurd erscheinen und sind.

Jeden Tag muss ich Presseschauen machen. Jeden Tag lese ich dieser Tage davon, dass die Zerstörung deutscher Städte und Dörfer in den Augen der Menschen, bzw. der Journalisten, einen höheren Stellenwert einnehmen als das, was dem zu Grunde liegt. Niemand scheint zu fragen, WARUM das alles geschah, warum Deutschland „befreit“ werden musste und manchmal habe ich den Eindruck, dass es auch nicht so gesehen wird. Gelegentlich darf man nach allem noch lesen, dass hier und dort auch ein paar „Fremdarbeiter“, die im Ort „beschäftigt“ waren bei den Angriffen umkamen. Nur selten nennt man sie beim Namen, nur selten sagt man, dass es Zwangsarbeiter waren, oft genug aus ihrer Heimat verschleppt, um in Deutschland zu arbeiten. Noch seltener sagt man, dass sie keinen Schutz in Luftschutzkellern suchen durften.

Und dann sind dann noch die Städte, bei denen man noch mehr hinsieht. Denn wenn schon nicht sie selbst, so wurden doch zumindest die Häftlinge der in ihrer Nachbarschaft liegenden KZs befreit. Besondere Blüten scheint es mir in Nordhausen/ Thüringen zu treiben. So begeht man dort „traditionell“ eine Woche vor dem Jahrestag der Befreiung des nahegelegenen KZs Mittelbau-Dora, den eigenen Jahrestag, den der Zerstörung der Stadt. Allerdings sagt auch hier niemand, WARUM. Die Zeremonien hierzu treiben inzwischen seltsame Blüten bis zur Namenslesung der Opfer der Stadt durch Schüler der Nordhäuser Schulen. Von den Opfern des KZs und seiner Außenlager ist hier keine Rede. Die Zerstörung der Stadt wird mythologisiert. Psychologisch alles leicht zu erklären. Menschlich möchte man sich nur noch wundern, die Stadtverantwortlichen beim Kragen packen und fragen, ob sie noch ein Stück Verstand und Herz in sich haben. Seit dem Wochenende der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Lagers sehe ich keine Chance mehr, sie noch wachzurüttel.

Seit über einer Woche, versuche ich das alles positiv zu sehen. Seit über einer Woche, versuche ich, mir einzureden, dass es alles nicht so gemeint war. Doch es gelingt nicht. „Das Requiem für einen polnischen Jungen„, das in der örtlichen Kirche aufgeführt wurde, wurde durch die Stadt kurzerhand „anlässlich des 70. Jahrestages der Zerstörung Nordhausens und der Befreiung des KZ Mittelbau Dora“ (in dieser Reihenfolge) präsentiert. Das wirft doch einige Fragen auf. Die Veranstaltung fand (eigentlich) anlässlich der Befreiung des KZs Mittelbau-Dora statt. Viele Zeitzeugen waren vor Ort. Im Programmheft werden die Texte der „Opfer des Faschismus“, nach denen Lohff das Requiem schrieb in verschiedenen Sprachen zitiert. Kein Wort, nicht eines, spricht hier von Nordhausen.

Betrachte ich es positiv. So sollte es wohl etwas wie eine Annäherung sein, eine Annäherung, dass beide Ereignisse, die der Befreiung des KZs und seiner Außenlager und die der alliierten Angriffe, in einen Zusammenhang gesetzt werden, dass man aufhören möge, sie getrennt zu betrachten und zu begehen. Betrachte ich es realisitisch, so wurde das eine Ereignis ausführlich durch die Stadt begangen und sich hier lediglich angeklinkt, um nicht ganz so ignorant dazustehen. Noch heute, so scheint es, betrachtet Nordhausen und seine Vertreter die Anwesenheit des ehemaligen KZs als Übel, das es durch eigenes Leid zu übertönen gilt.

Wie könnte eine Lösung aussehen? Nun, zunächst sollte diese unsinnige Mythologisierung der Bombengriffe aufgegeben werden. Vielleicht hilft es schon, wenn die Stadt ihre Sichtweise dahingehend verändert, dass auch sie befreit wurde. Wie mir scheint, sieht man es dort ganz anders. Weiterhin wäre es hilfreich, wenn man sich wirklich aktiv mit der Geschichte der Gegend auseinander setzt. Die „Fahnen der Erinnerung“ zeigen deutlich wie sehr diese Stadt und die umliegenden Gemeinden darin eingebunden waren. Weiterhin könnte man sich für die nächsten Gedenktage direkt mit der Gedenkstätte zusammensetzen und überlegen, wie man nach dann mehr als 70 Jahren ein gemeinsames Gedenken ermöglichen könnte. Vor allem, so denke ich, wird es Zeit, das Trauma der zerstörten Stadt nicht mehr an die Jugendlichen weiter zu geben. So kann nie ein neues Denken, ein Entgegenkommen, ein Verstehen entstehen. Vielleicht ist das der Grund, warum ich das Verhalten der Stadt nicht verstehen kann. Ich kann nicht verstehen, wie man Dinge nicht reflektieren kann, wie sie – gerade in diesen Situationen – wirken. Wie sie für Verwirrung sorgen werden und wie wenig sie für den Dialog und die Zukunft tun. All das ist kontraproduktiv. Die Insel des eigenen kleinen Denkens verlassen.

Nordhausen allerdings ist nur ein Synonym für andere Städte in diesen Tagen. Das Land zeigt in seiner Mehrheit, dass ich in einer Blase lebe. Ich möchte diese Blase behalten, ich möchte sie ausweiten auf die ganze Stadt, das ganze Land. Denn so weiß ich, dass es Zukunft geben kann. Perspektiven für alle.
Opferrollen einzunehmen, sie nicht zu verlassen, hat noch nie geholfen. Wagt man den Schritt, kann man Neues, Positives schaffen.

Nehmen Sie sich ein Beispiel an den Überlebenden.

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