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Über das Verstecken der Identität

Alle Jahre wieder, in schöner Regelmäßigkeit werden wir Juden aufgefordert, nicht hier hin, nicht dort hin zu gehen, nicht dieses oder jenes zu tragen, so dass man uns nicht erkennen möge. Ich kann es nicht mehr hören und finde es absurd.

Zurück aber zum Ausgang meiner Gedanken. Verstecken. Ich darf keinen Davidstern tragen, weil ich mich gefärden würde. Ich darf keine Kippah tragen, weil ich mich gefährden würde. Ich darf nicht in jene Bezirke (neuerdings jene mit höherem muslimischen Anteil der Bevölkerung), sonst darf ich nicht in andere Bezirke. So frage ich also: Was darf ich überhaupt? Darf ich nicht auch selbst bestimmen? Darf ich nicht mit all der Erfahrung der Ahnen selbst entscheiden, was ich wie tue? Wem ich etwas sage? Wohin ich gehe? Ich bin es leid, dass mir gesagt wird, ich müsse meine Freiheit beschränken, nur, weil irgendwelche Idioten gerade wieder mal Juden als ihre bevorzugten Hassobjekte ausgesucht haben. Sollten wir nicht woanders ansetzen? Sollte nicht viel lauter gerufen werden, dass DIE sich fernhalten sollten? Aus unseren Leben, Ländern, Städten? Ich vergleiche es ein wenig mit Radfahrern in der Stadt. Sie werden am Häufigsten durch unachtsame rechtsabbiegende Vierradfahrer getötet. Dennoch geht die Politik nicht dahin, jene zu ahnden, sondern Radfahrer sollen das nicht mehr und jenes nicht mehr. Bei beidem stimmt die Ursachensicht nicht.

Ich werde mich nicht einschränken lassen. Der einzige Grund, warum ich irgendwo nicht hingehe ist, weil es für mich dort nichts gibt. Das ist schwer in Berlin, denn überall gibt es Freunde, überall schöne Orte. Ich habe nie Angst. Gut, ich werde auch nicht erkannt. Wie auch? Ich habe nie erlebt, dass jemand auf meinen Davidstern reagiert hätte, dass ich Probleme bekam. Ich selbst reagiere auf Kippot außerhalb der Synagogen, Friedhöfe etc.. Aber das ist mein ureigenes.

Hat eigentlich die Kirche in Deutschland jemals ihren Mitgliedern empfohlen, irgendwohin nicht hinzugehen? Ihre Kreuze nicht zu tragen? Wie sollen wir denn endlich offen und gelassen miteinander leben, wenn die „Anderen“ immer die anderen bleiben? Wenn wir nie die Gelegenheit haben, wirklich miteinander zu reden, uns kennen zu lernen und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken und zu schätzen?

Ja, man kann gut Schlagzeilen machen, wenn der ZR empfiehlt, man möge gewisse Bezirke meiden. Gleichzeitig bin ich enttäuscht, dass auch der neue Vorsitzende auf alte Züge aufspringt. Lassen Sie uns einfach unsere Entscheidungen. Wir sind vielleicht schon viel weiter, als Sie denken. Miteinander reden ist der einzige Weg und es gibt genügend Menschen, die reden wollen. Mit Arschlöchern reden zu wollen bringt nichts und hat noch nie geholfen. Die anderen aber, die die Mehrheit sind, mit den Idioten in einen Topf zu werfen, bringt uns nicht weiter. Es geht nicht um Provokation. Wenn jemand mit Kippa provozieren will – so soll er sich bitte ein anderes Objekt suchen.

Und was ich nun tue, nachdem ich mich nach Tagen wieder beruhigt habe? Ich krame meinen Davidstern raus und gehe in einen dieser „bösen“ Bezirke.

Jetzt erst recht.

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