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Über das Leben an Orten mit schrecklicher Geschichte

Sept. 16, 1961. West Berliners wave to friends and family across the Berlin Wall. From the booklet "A City Torn Apart: Building of the Berlin Wall." For more information, visit CIA's Historical Collections webpage (https://www.cia.gov/library/publications/historical-collection-publications/index.html).

Eines vorweg: ich bin vorbelastet. Ich sehe die Welt, die Städte mit anderen Augen. Ich bin Nachfahrin von sogenannten Opfern zweier Diktaturen. Ich betrachte uns nicht als Opfer, nicht mehr, denn wir sind da. Wir haben überlebt, mit Blessuren, Narben und offenen Wunden, aber wir haben überlebt – die Täterstaaten nicht.

Und gerade weil ich eine Vernachlässigung sehen, weil ich erkenne, dass immer weniger Wissen vorhanden ist, immer weniger Gefühl für das, was einst an Orten, in Häusern geschehen ist, unter welcher Motivation sie erbaut oder abgerissen wurden, weil all das im Wahn der Immobiliensucht und Investorenwettk(r)ämpfe verloren zu gehen droht, will ich nun, muss ich etwas sagen:

Ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht, wie Menschen an Orte ziehen können, in denen andere Menschen sterben mussten. Ich verstehe nicht, wie Menschen ohne ein wenig ein Auge in die Geschichte zu werfen, froh in ihr neues Zuhause ohne ein Wissen, ohne ein Gefühl, was dort einst geschah. Nein, ich verstehe auch nicht, warum es nicht den Mut zur Leere in dieser Stadt gibt, die eine solche Straße, wie z.B. die Bernauer Straße nicht frei bleiben lässt, eine Narbe in der Stadt – nicht nur in Gedenken an jene, die dort ihr Leben ließen, sondern in Gedenken daran, wofür all das stand.

Warum müssen dort Immobilien entstehen, die nicht dem Wohnungsmangel, sondern lediglich den ewigen drei Ls geschuldet sich (Location, Location, Location). Nein, das hat nichts mit Unwillen zur Veränderung zu tun, das hat lediglich mit Gefühllosigkeit zu tun. Ich verstehe es nicht. Ich verstehe auch nicht, wie man zwang und Ahnungslos in die ehemaligen Gefängnisse in die Rummelsburger Bucht ziehen kann, um dort ein unbefangenes Leben zu führen. Ist das in der Tat möglich? Wie viel muss eigentlich in einem Menschen fehlen, dort ruhig schlafen zu können?
Für mich ist es nicht anders, als im Bautzener Gefängnis oder in der Papestraße zu wohnen. Es mag im Heft schick erscheinen, extravagant – aber ist es das wirklich? Ist es nicht einfach nur geschichtsblind?

Ich werde oft gefragt, wie ich an Orten, an denen ich arbeite(te), arbeiten kann. Es ist Arbeit, es ist meine Aufgabe, diese Erinnerung wach zu halten. Ich lebe dort nicht, ich kann nach Hause gehen in ein Zuhause, von dem ich überprüfte, welche Geschichte das Haus hat. Ich gehe aber durch die Stadt, durch Deutschland mit anderen Augen. Immer wieder, jeden Tag. Ich erkenne Orte, ich erkenne die Architekten der Diktatoren, ich verspüre nichts Gutes, muss ich in diese Häuser gehen. Das zwischenzeitliche Zuhause einer Freundin in der Frankfurter Allee…umgeben von Nachbarn, die dort schon lange lebten. Ich, wir, fühlten uns dort nicht wohl. Auch sie wusste um die Geschichte, um die Nachbarn um alles, es ging nicht. Sie war nicht vorbelastet, wie ich, aufgewachsen in einer anderen Welt. Aber sie wusste, und sie erlebte die Menschen, die Nachbarn, die sich seit dem nicht geändert hatten. Nun ist die Frankfurter Allee ein Wohnprojekt gewesen, es wird sich viel ändern in den nächsten Jahren, die Biologie, Sie wissen…

Hamburg, KdF-Leistungsschau  Scherl: Eröffnung der KdF- Leistungsschau und der Ausstellung in den Zoo-Ausstellungshallen in Hamburg. Reichsorganisationsleiter Dr. Ley beim Rundgang durch die Ausstellung. Neben Dr. Ley der Italiener Faccetti. Fot. Eis. 21.7.39  [Fotograf: Eisenhardt]  Abgebildete Personen:      Ley, Robert: Reichsorganisationsleiter, Deutsche Arbeitsfront (DAF), Generalrat der Wirtschaft, DeutschlandUnd die Plätze, die nicht zum Wohnen errichtet wurden? Die Frage ist, was soll mit diesen Orten geschehen? Lange Diskussionen gibt es um Nazibauten, leer stehend schon lang. Soll man in Nürnberg das vor sich hin verfallende Reichsparteitagsgelände für Millionen restaurieren? Nein, lasst es vor sich hin verfallen, gibt es dem preis, was es ist, Vergangenheit. Deutschland muss nicht an Architektur des Größenwahns wieder erstehen. Dafür gibt es genügend Architekten, die heute die Städte zerstören.

Und letztlich, wie kann man an Orten Urlaub machen, deren Geschichte mehr als überdeutlich ist? Helfen da wirklich neue Fenster, andere Böden und prominente Nachbarn?

Kürzlich schwappte eine Diskussion über. Die Suche nach Wohnraum für Asylsuchende. Ein ehemaliges Außenlager sollte dafür genutzt werden. Die Fronten verhärteten sich. Andere Städte mit gleichen Ideen kamen ab von der Idee…vielleicht sollten wir heute klüger sein. Uns nicht mit den Situationen nach dem Krieg vergleichen, in denen wirklich jeder Raum gebraucht wurde, als Zwangsarbeiterlager zu Flüchtlingsorten wurden…auch sie wurden irgendwann fast alles abgerissen.

Was also, will man mich fragen, soll man mit diesen Bauten machen? Was machten wir mit Propagandaministerium und Reichsluftfahrtministerium? Was machten wir mit den ehemaligen KZs? Was machten wir mit den Ordensburgen und all den anderen Bauten? Muss man wirklich in ihnen leben? Gibt es nicht andere Nutzungen? Oder kann man – Denkmalschutz hin oder her, den Kolossen nicht die Macht nehmen?

Ich sage nochmal, ich verstehe es nicht und werde es wohl auch nie, denn jeder dieser Orte, die auch in ihrer Architektur die Sprache ihrer Erbauer sprechen, lässt mich erschaudern. Jedes überbaute Stück Geschichte lässt mich wissen, dass all das bald vergessen sein wird. Und wo das hin führt sollten wir langsam ahnen….fundierter Geschichtsunterricht wird in immer mehr Ländern abgeschafft…aber das wäre schon wieder ein neuer Text, dennoch:

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