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Ein Blogpost, ein Kommentar, die Anzeige und was dann kam

Im Sommer 2014, der Hochzeit der Ausschreitungen, nicht nur auf Berlins Straßen, aber vor allem auch der Hochzeit des „neuen“ Antisemitismus schrieb ich einen Beitrag zu meinen Gedanken in dieser Zeit. Die Reaktionen – und damit hatte ich nicht gerechnet – waren zum Großteil positiv. Aber eben nur zum Großteil. Es kam auch ein Kommentar, der sämtliche Voraussetzungen für eine Strafanzeige erfüllte. Ich bat Chajm um Rat, wie er mit der Situation umgehen würde – danke nochmal dafür. Schließlich bekommt man nicht aller Tage solche Zuschriften. Man ist (nicht nur als Jude) so allerlei gewöhnt, aber das war doch mehrere Schritte weiter gegangen. Ich wusste nur eines, ich werde den Kommentar nicht veröffentlichen. Das war das erste Mal, dass ich mich dazu entschloss. Meist lasse ich sie selbst entblößen. Nur hier…hier nicht.
Es folgte die Kontaktaufnahme zum Antisemitismusbeauftragten der Berliner Gemeinde. Ich war verunsichert, wollte Rat und wissen, ob es überhaupt Sinn macht, hier etwas zu tun. Die Antwort kam nicht.
Nach ein paar Tagen entschloss ich mich doch, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. An dieser Stelle sei ausdrücklich auf das Angebot der Internetwache der Berliner Polizei hingewiesen, das mir auch die Angst nahm, zu einer Wache hinzugehen und womöglich seltsame Blicke oder Kommentare ernten zu müssen. Ja, die Angst bestand. Ich erstattete also Anzeige und bekam sehr schnell Antwort. Den Text des Kommentars hatte ich bereits übermittelt und wie ich vermutete stand hier nicht nur Volksverhetzung, sondern auch Bedrohung und Weiteres im Raum. Ich rechnete nicht mit viel, ich wollte letztlich, dass dieser „Vorfall“ in die Statistik einging. Der Bearbeiter bei der Polizei war sehr freundlich, sammelte alle Daten, die ich bieten konnte – es war nicht viel.

Zwei Wochen nach meinem Schreiben an die Berliner Gemeinde antwortete nun auch der Antisemitismusbeauftragte. Das Verfahren gegen Unbekannt war längst eingeleitet.

Und nun…nun kam Post von der Staatsanwaltschaft. Das Verfahren ist eingestellt, man habe den Täter nicht ermitteln können. Ich bin enttäuscht, irgendwie schon. Ganz tief drinnen habe ich wohl doch gehofft, dass es nicht ungestraft bleiben würde.
Nach diesem Vorfall habe ich das Kommentarsystem umgestellt. Ich erlaube zwar noch immer „anonyme“ Kommentare – aber via einem anderen System, dass die Ermittlungen im Falle des Falles leichter machen kann.

Und was wird aus dem Kommentar in meiner Warteschleife? Ich werde ihn nicht löschen. Vielleicht gibt es ja mal irgendwann eine Hatepoetry-Lesung mit Nichtprominenten. Na, hat jemand Lust? Material haben wir doch sicherlich reichlich.

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