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Tiefes Grau und Tod und Leben

Es sind diese Tage, diese unendlich grauen Tage, wenn das Pulsieren der Großstadt nur ein Gerücht scheint. Wenn aufgeregte Touristen deprimiert in leisen Cafés sitzen und nicht fassen können, was das nun ist, dieses Berlin. Wo es ist, das Berlin der Reiseführer. In der Nacht verzweifelte Versuche, es zu finden. Doch Berlin schläft bis der Sommer wieder kommt.

Und dann diese Tage, die so in dieses Bild rutschen. Dunkelgraue Tage, die einen in den Wald führen. In den Wald, um einen Menschen das letzte Mal zu begleiten. Viele Menschen wollten das tun, gestern an diesem grauen Tag. Und irgendwie ist es seltsam, dass dieser Mensch nicht mehr da sein soll. Das Rascheln des Laubs….der persönlichere Abschied als in einer Kapelle. Die fehlenden Rituale, die doch Menschen leiten sollen. Schön war das. Und dennoch, in mir erklang ein Kaddisch. Kaddisch für einen Menschen, der doch mit diesem Teil meines Lebens nichts zu tun hatte. Es war wieder so ein Tag, an dem ich erkannte, wie tief all das verwurzelt ist. Wie wenig Unterschied es macht, nicht mehr in die Synagoge zu gehen. Wie wenig Unterschied es macht, wenn das Leben vorbei rast. In diesen Momenten, bin ich doch da, wo ich immer war und bin. Dort, wo ich das Leben weiß, dort, wo alles einen Sinn ergibt. Dort, wo Mensch, Mensch sein darf. Dort, wo die Politik und der Hass außen vor bleibt. Zurück, zu den Wurzeln ohne Polemik. Zuhause.

Und dann nimmst Du es mit, das Laubrascheln. Den hohen schlanken Baum, der jetzt die Geschichte eines Lebens birgt. Du blätterst durch die Grafiken. Amüsierst Dich über den Humor, der schon immer in ihnen war und weißt, dass er mit diesen kleinen und großen Bildern, Dir etwas mitgegeben hat – fürs Leben. Etwas, was Du jetzt so viele Jahre danach wieder liest, anders liest. Und es ist gut.

Es sind diese erschöpfenden Tage, die dann doch noch mehr verlangen. Die verlangen nach dem Abschied das Leben zu feiern. Du willst nicht. Die Gedanken sind noch im Wald. bei den Menschen, von denen Du nur vereinzelt Erinnerungen hattest. Und Du merkst, dass Deine Erinnerungen andere sind. Auch, das raubt ein Stück von Dir. Und draußen ist es kalt. Du versuchst den Tag zu retten. Gespräche, Nähe….aber irgendwie treibst Du in einem Strudel und willst hinaus. Willst weg. Alles kann doch so schnell vorbei sein.

Zuhause, kriechst Du ins Bett. Es ist kalt. Der Wald, er war kalt. Das Laub…die Pilze. Schön. Und dennoch. Träume kommen, Erschöpfung. Du schläfst unruhig. Die Pflicht. Pflicht, Einladungen zu folgen. Du schleppst Dich. Weißt, es werden Menschen da sein, die Du liebst. Menschen, die aufgeregt diesen Tag bereitet haben, um das Leben eines anderen zu feiern. In Dir erscheint alles absurd. Da am Selbstmörderbecken…
Doch langsam, dort, kriecht die Freude auch in Dich. Draußen ist es dunkel. Das Grau nicht mehr zu sehen. Das Wasser glitzert ruhig. Drinnen Reden von Liebe, Familie, Fotos…und endlich Musik. Das Reden hat ein Ende. Es ist manchmal besser nicht zu reden. Die Lebensfreude kriecht und kriecht. Sie kitzelt an Deinen Zehen. Findet einen Eingang, krabbelt Deine Beine hoch. Du schaust auf die tanzenden lachenden Menschen und wunderst Dich. Dieses seltsame Gefühl, dass Du meinst, es müssten doch alle stehenbleiben, im Angesicht des Todes. Sie tun es nicht, sie wissen es nicht. Sie tanzen gegen den Tod, gegen das Grau der Stadt, tanzen gegen den täglichen Kampf. Einfach vergessen. Und während Du schaust, hat es Dich selbst eingenommen. Freude. Das Leben kann schön sein. Bist Du noch so müde. Du musst es nur sehen, fühlen….lass es in Dich krabbeln. Vergiss, was kommen wird. Vergiss den Preis.

Wir sollen leben, leben, leben, solange wir können. Wir sollen Freude bereiten, einander. Es gelingt nicht immer. Doch die Welt wäre eine bessere, wenn wir daran dächten. In Nächten wie diesen, die so nah an anderem liegen, glaube ich daran, dass es ginge. Diese Lebensfreude, sie steckt irgendwo. Sie muss gekitzelt werden. Manchmal von anderen.

Und nun sitze ich hier, versuche die Spuren der Nacht zu vertreiben und wundere mich noch immer über diesen seltsamen Tag. Ich schaue raus auf kahle Bäume, auf rauchende Schornsteine. Alles grau, alles düster. Aber gestern Nacht, da glitzerte das Leben so ganz nah am Tod. Es war ein guter Tag, trotz allem.

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