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Die Tage davor – alljährliche Gedanken Anfang November

Es ist seltsam. Immer im November befällt mich diese unendlich scheinende Melancholie. Sie kommt ganz automatisch. November in Deutschland, in Berlin…er kann vielleicht nichts anderes bringen als das.

Der 9. November rückt näher. Die Tage davor sind begleitet von den Erinnerungen. In diesem Jahr von Gesprächen. Damals. Freunde, Wegbegleiter, Kindheitsstücke verschwinden nach und nach und viel zu früh und fast scheint es, als würden die Geschichten verschwinden. Als will sie niemand mehr hören. Es war soviel bevor die Menschen auf die Straße gingen. Es ist nicht schlagzeilenfähig.

Vor ein paar Tagen erschien eine Kolumne in der Welt. Der Titel provokant, der Text mit erstaunlich wenig Reaktion: „Was Ossis und Juden gemeinsam haben„. Ein kurzer kleiner Text, der im Gegensatz zu seinem Titel nicht gleichsetzen will, sondern lediglich zum Denken anregen sollte, was hier eigentlich passiert:

Und heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall? Während ehemalige Grenzwächter,
Stasi-Spitzel und -Zuträger wieder Schüler unterrichten, Mandanten
verteidigen, in Parlamenten sitzen und ungestört zwischen
Plattenbauwohnung und Datsche ihren Lebensabend verbringen, versuchen
die Opfer mühsam und meist vergeblich, das ihnen gestohlene Leben
wiederzugewinnen. Ihre Trauer und ihre Pein bleiben abermals verborgen
im Dunkeln der DDR-Folterkeller.

Just ein paar Tage zuvor regte sich Unmut bei einer Kollegin. Die Direktorin der Grundschule ihrer Tochter, agierte (wieder) nicht so, wie es die Eltern der Schule wollten. Nichts ungewöhnliches. Was sie erst jetzt herausbekam war, dass die Leiterin des Montessoribereichs dieser Schule, eine Frau, die heute auch andere Lehrer unterrichtet, vor mehr als 25 Jahren auch an dieser Schule war – als Staatsbürgerkundelehrerin, mit ihrer Kollegin von selber Profession, die nun Direktorin ist.  Überrascht es mich? Nein. Kein Lehrer wurde „entfernt“, niemand überprüft, wie auch die Berliner Verwaltung, wenn nur in den Führungsebenen je überprüft wurde. Die einzigen, die die Schulen verlassen mussten waren die Pionierleiter. Alle anderen durften sich bei unbrauchbar gewordenen Fächern eins zwei neue erwählen und sie im Turbogang lernen. Und jetzt? Empörung. Und jetzt? Es ändert sich nichts. Vielleicht braucht es diese Erlebnisse in diesem Berlin, in dem sich Ost und West nun einfach mehr vermengen. Vielleicht braucht es die Eltern, die bewusst in den Osten zogen, um jetzt vielleicht zu hinterfragen, wie all das passieren kann.
Ich selbst erinnere mich an Lehrer, die nachdem man BRD war, aus ihrem Berufsverbot zurückkehrten und wieder Lehrer sein durften. Lehrer sein wollten. Etwas, was ihnen der Staat versagte. Sie wurden von den (alten) Kollegen geschnitten, gemieden, teils gemobbt. Eine hielt es nicht mehr aus und gab auf. Geschichten, über die niemand redet, zu all den 25er Feiern.

Eine Austellung wird gezeigt mit abfotografierten Bildern des MfS. Ohne Kommentare. Mit unglaublicher Kälte und Distanz. Bilder von ermordeten Grenzopfern auf dem Obduktionstisch, Bilder einer bei der Flucht gefassten Familie, die gerade ihren Vater verlor. Alles künstlerisch benutzt, alles ausgeschlachtet. Ohne Gefühl, ohne Mitgefühl und immer wieder Kälte.
Niemand muss nachvollziehen können, was damals war, wie es den Menschen ging, mit welcher Verzweiflung sie dieses Gefängnis, das ein Land war, verlassen zu wollen. Ich erwarte allerdings Respekt mit den Opfern. Ein Zeigen verbietet sich mir. Es widert mich an und ich bin entsetzt über die Galerie, die es „im Rahmen des Monats der Fotografie“ zeigt, als auch von der Stiftung Aufarbeitung, die es großzügig förderte. Das gleiche Projekt mit den Opfern der Nazis? Undenkbar. Doch so lässt sich Geld verdienen. Es passt ja auch so gut in dieses Jubiläumsjahr. Und alles, was mir bleibt ist Zynismus.

Und dann sind da diese kleinen Momente der Gespräche mit Menschen, für die der Mauerfall kein „ja, das war ja sooo weit weg, das hat mich gar nicht interessiert“ ist. Austausch der Erinnerungen. Plötzliche tiefe Gespräche, Nachdenken über dieses Land in dem wir jetzt leben. Da sind sie wieder, die Verbindungen, die all das möglich machten.

Der Spaziergang mit der Mutter durch den herbstlichen Park. Park der Kindheit. Gespräche – über damals natürlich. Darüber, wie ihre Mutter in Berlin war, damit, falls man sie holt, niemand mich hole. Ich kann mich daran nicht mehr erinnern. Ich kann mich nicht entsinnen, dass meine Großmutter, um die Straße am 5. November im Blick zu haben, stundenlang die Fenster schrubbte. Dass sie die Kerzen in den Fenstern immer wieder entfachte. Dass sie, die sie doch schon diesen Krieg erleben musste, unglaubliche Angst gehabt haben musste, wie sie die Zeit ihres Lebens hatte, aber nie zeigte.
Und dann dieses selbstverständliche Abbiegen. Dorthin, wo wir bis vor 25 Jahren nie im Leben durften. Ein Gang, der inzwischen für meine Mutter auf ihren Hundegängen normal geworden war. Der Gang entlang des Streifenweges an der Mauer zum Schloss Schönhausen. Einmal herum um den Park mit seinen wunderschönen Bäumen. Einmal um das Schloss, was hinten aufleuchtet in neuer Pracht und von dessen Geschichte die neuen Anwohner in den teuren Wohnungen vermutlich nichts wissen. Es ist eben ein Schloss. Ja, da war mal was mit DDR…ja, da ist ein lila Bad drin. Aber da war auch der Runde Tisch, der Hoffnung barg.

Ich wundere mich sehr und höre schon leise die Schlussstrich Rufe.

Und die Opfer des Staates? Wir werden nicht stiller…wir lernten aus dem, was in diesem Land schon einmal geschah…und wir werden weiter daran erinnern und den Finger in die Wunde legen.

Ein Satz, den ich bisher nur in jüdischem Gedenkzusammenhang sagte, beginnt allmählich, sich auch hierfür umzuformen. „Man redet gern über Juden, aber nur ungern mit ihnen“ So scheint es mir auch hier, in diesem verordnetem Gedenken, in dem alles nur Freudentaumel sein zu haben scheint.

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