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Dachau

Wieder München. Es war noch Zeit bis zum Termin. Die Frage, nach Dachau? Ich hatte die Wahl. Will ich das wirklich? Will ich all das sehen?

Ankunft auf dem Parkplatz. Die Sonne kam etwas raus. Mir ist schlecht. Ich arbeite nun schon so lange auf diesem Gebiet. Und nein, ich kann keinen Abstand nehmen – wenn es irgendwie mich persönlich betrifft, bzw. in diesem Fall meine Familie. Es ist anders. Es ist ganz ganz anders. Ich erinnerte mich an meinen ersten Besuch in Hohenschönhausen. Ich konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Jetzt war es ähnlich. Es würden keine Menschenmassen warten, die jedes Gefühl durch Geräusch und Blitzlichtgewitter zunichte machen würden. Es war ein normaler Dienstag in einer normalen Woche. Busse standen auf dem Parkplatz. Ich gab mir einen letzten Ruck. Ich wollte das und ich wollte es jetzt. Also los.

Auf dem kleinen Steg vom Parkplatz zum Weg zur Gedenkstätte kamen mir schon die ersten glucksenden Teenager entgegen. Ich empfand Verwirrung. Und gleichzeitig frage ich mich, warum ich erwarte, dass sie genau so betroffen wie ich sein sollten? Erwartete ich das überhaupt? Ich bin doch nie so. Und nein, ich erwartete das nicht. Ich war neidisch. Ich wollte auch so unbeschwert sein. Ich wollte dieses „Erinnern Sie sich noch daran, als Sie keine Probleme zu haben schienen?“. Ich hatte das nicht, noch nie. Ich weiß gar nicht, wie das ist. Und doch, es ist gut, dass diese Schwere die Generationen verlässt, vielleicht.

Der Eingang, die Zufahrt, das fehlende Tor. Der Urgroßvater…ging er hier auch durch? Musste er dieses Lager mitbauen? Es ist wahrscheinlich. Der Schritt hindurch. Nichts passiert. Das Lager abschreiten, weg von den Gruppen, den Audioguides – und ja auch von den glucksenden Jugendlichen mit ihren glucksenden Lehrern. Die Steine unter meinen Füßen. Und die Gedanken daran, warum mich dieser Ort doch so sehr berührte. War er doch mit den fehlenden Baracken so abstrakt.
Ich weiß die Antwort. Die Verbindung. Es ist das dritte Lager, das ich besuchte, mit dem ich persönlich wissentlich eine Bindung habe. Eine kleine, aber sie ist da. Sie spielte eine Rolle – nicht nur in meinem Leben. Ich weiß so vieles nicht von meiner Familie. Das ist eines der wenigen Dinge, die ich weiß. Dachau.

Aus den Bäumen scheint ein hölzerner Zwiebelturm hervor. Geradezu ein merkwürdiger Betonbau. Ich wusste vom Kloster außerhalb der Gedenkstättenmauer. Das hier irritierte mich. Der Graben, hier hinten wieder hergestellt. Das Tor. der Stacheldraht.

Über die Brücke. Extra Tore, sie stehen auf. Frische Blumenkränze an Statue. Richtig, Volkstrauertag. Man hat zu trauern und hakt es ab. Ich ging vorbei. Vorbei am Backsteinhaus, dessen Bedeutung ich kannte. Ich konnte es noch nicht. Gefühle beruhigen. Hinten zum Davidstern. Da ist Schutz, irgendwie. Ruhe. Hier hinten, wo all die Aschegräber sind. Schlicht. Die Erschießungsplätze. Ohne Bilder ohne Beschriftungen, einfach nur Ort und Natur. Hier hinten fand ich den Moment der Ruhe. Innehalten zwischen all dem Hoch und Runter, dass mich „da draußen“ beschäftigte. Ein Weg zwischen Bäumen. Für mich im Rückblick, der wirkliche Ort des Gedenkens. Nicht die riesigen Mahnmale, Inschriften, die einem in aller Schwere die Gefühle zu diktieren suchen.
Wieder beim Mann mit den Kränzen. Luft holen. Backsteinhaus. Andersherum. Menschenöfen. Im Hintergrund die Hinweise zum Defibrilator und Erste Hilfe Kasten. Der Arbeitsschutz lässt auch hier grüßen. Über Dir die Balken für die Erhängungen. Weiter….ein Flur, eine Dusche….eine solche Dusche. Kurzes Verharren. Ganz allein. Der Schritt hinaus. Ich bin wieder hinausgegangen. Ihr könnt mich mal.

Eine Schulgruppe kommt herein gestürmt. Kaum älter als zwölf oder dreizehn. Plaudernde Lehrer. Ich bin froh, wieder raus zu sein. Von draußen sehe ich rennende wippende Rucksäcke durch die Räume fegen. Vorm alten Krematorium Stille. Das alte Krematorium…das wird er auch gesehen haben. Musste er hier arbeiten?

Wieder aufs Lagergelände. Ganz hinten. Völlige Abstraktion. Betonbaukirche. Riesiger Rundturm. Schwarzes Gebilde, das abgekippt zu sein scheint. Irgendwo ein Schild. Evangelische Kirche, Katholische Kapelle, Jüdische Gedenkstätte. Ich wundere mich. Steuere diesen Menoraturm an. Kein Mensch weit und breit. Ich gehe hinab. Was wollte uns der Künstler damit sagen? Ein Psalm über dem Eingang. Kaum lesbar. Zwei Tafeln links und rechts, Deutsch und Ivrith mit unsäglichem Spätsechzigertext. Ich gehe hinein. Wieder ein Eisentor. Drinnen vernachlässigte Leere. Ein paar einsame Teelichter, längst ausgebrannt stehen in den zu vielen Nischen, die einst dafür erdacht wurden. Das Pult – leer. Jiskor (Erinnere) steht darüber. Was darunter war, lang weg. Die angebrachten Fackeln haben mit Sicherheit auch lang kein Licht mehr getragen. Warum eigentlich Fackeln? Von oben aber, Licht. Ich fühle mich sehr an den Holocaustturm im Jüdischen Museum erinnert. Es ist ein deutliches Symbol und funktioniert immer – zumindest bei mir.
Wieder raus. Irritiert. Runter die Lagerstraße. An einzelnen Barackennummern stehen frische und verwelkte Blumen. Ganz vor links in die Baracke. Nachbau der Einrichtung. Mehrwürdiges Konzept, das den Schildern nach alt erscheint – es funktioniert. Ein Referent erklärt einer Schulklasse etwas von vorgeschriebenen Quadratmetern für Tiere. Ein Bild. Es funktioniert.
Ich bin müde. Die Ausstellung. Das Museumsauge schaltet sich ein und befindet: zu viel Platz, zuwenig gesagt. Größe von Informationswänden kann nicht ausgleichen. Vielleicht weniger Raum für Text und mehr Freiraum lassen. Die Räume allein wirkten viel mehr. Museumsauge eben.

Raus, weg. Kommunikation und Fragen. Fragen, die ich niemandem mehr stellen kann. Der Urgroßvater ist nach einer Lagerodyssee irgendwann verschwunden. Niemand weiß etwas. Auch nicht die Archive. Ein Kaffee und Brezel in der Cafeteria mit aufgereihten Bänken. Ich sollte doch einen anderen Job beginnen. Dieser Blick, wenn auch reflektiert, er nervt bisweilen. Ich will Dinge auch nicht immer sehen (müssen). Das Gebäude schön. Schlicht. Fast meditativ. Der Buchladen geschlossen. An ihm prangt das Logo der Literaturhandlung. Nun ja, in und um München kommt man wohl an diesen Orten nicht an ihr vorbei. Erinnerungen….

Parkplatz. Der nächste Bus kommt an. Abfahrt. Nach München. Vor dem Ausgang Werbung für Gasflaschenservice. Ich schmunzle.

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