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Zionskirche, Oktober 87 #de25

Blick in Richtung Zionskirche, November 1987
Quelle: BStU, MfS, BV Berlin/Fo/71, Bl. 10, Bild 12

Ein Text, den ich Anfang des Jahres schrieb…

Es ist wieder einer dieser Tage, Tage, an der ich umsonst auf meine Mutter warten werde. Ich bin zehn Jahre alt, allein zu hause. Weiß, dass sie arbeiten muss, weiß, dass sie wieder „Dienst“ hat. „Dienst“ hieß, dass sie länger als die Bürozeiten bleiben muss. Irgendwas mit „Krieg“ war da. So ganz habe ich es nie verstanden. Man rechnete offensichtlich mit einem Angriff. Die stetige Angst vor Kriegen wurde uns von klein auf eingeimpft – wenn auch nur in der Schule.

Mama kam nicht. Ich war es gewohnt. Als sie kam, war es spät, sehr spät und sie bleich. Ich weiß nicht mehr, ob sie mir an diesem Abend schon erzählte, was war. Ich weiß nur, dass es wieder einer der Geschichten war, die ich niemandem erzählen durfte. Dass wir da schon längst in verwanzter Wohnung lebten, war offensichtlich nicht bewusst oder egal. Was sie erzählte, war etwas, dass mein Kinderherz mehr mit Angst erfüllte, als jedes Kriegsszenario. Sie berichtete von einem Konzert in der Zionskirche, ein friedliches Konzert, bei dessen Ende den Menschen aufgelauert wurde. Die verließen erfüllt von Musik die Kirche und wurden von Skinheads überfallen und zusammengeschlagen. Dass es auch hier im Osten Skinheads gab, konnte nur Wandlitzbewohnern verborgen sein. Anders kann ich mir auch heute nicht erklären, warum verboten wurde, darüber zu sprechen. Es gelang nicht. Die Dinge sprachen sich im Vorwendeberlin schneller herum als heute in Zeiten der sozialen Medien. Und so wurde von offizieller Seite behauptet, die Skinheads wären aus Westberlin angereist. Hat das tatsächlich jemand geglaubt? Ich weiß es nicht, es wundert mich. Doch auch heute wundert mich viel der Blindäugigkeit der ehemaligen Ostbewohner. Noch heute sind viele überzeugt, dass die Regierungserklärung die Wirkliche war. Für alle, die mit dieser Kirche verbunden waren, änderte sich nach dem Angriff vieles – auch, wenn sie nicht beim Konzert waren. Es war nun nicht mehr zu vertuschen, man war nicht sicher, von keiner Seite und es gab auch keine Rechtsbarkeit, die etwas strafte, was es offiziell nicht gab.

Was blieb beim zehnjährigen Mädchen war das Wissen, dass die Polizei nicht half, dass es keine Gerechtigkeit gab, dass Wahrheiten nicht existierten, sondern vorgegeben wurden. Den Menschen, den Opfern wurde nicht geholfen. Und das stand im Gegenzug zu allem, was in der Schule gepredigt wurde und an dass sie schon lange nicht mehr glaubte. Es wurde bestätigt. Die DDR, in dem niemand Opfer sein muss.

War es nicht schon längst zur persönlichen Parallele geworden? Lehrer die sich wegdrehten, wenn ich auf dem Hof verprügelt wurde, weil es dem Offizierssohn gerade so gefiel – war es wirklich so anders? Heute im Rückblick ist die Antwort klar, als Kind versteht man die Welt nicht mehr. Damals traute ich keinen Erwachsenen außerhalb der privaten Welt schon lang nicht mehr, doch Schutz erhoffte ich noch immer, ich brauchte ihn und er wurde verwehrt.

Heute nun, 27 Jahre später studiere ich noch einmal zum Vergnügen. Und belegte ein Seminar zur DDR und BRD in den 80er Jahren. Diesen Jahren also. Ich lerne viel. Kann einordnen, bekomme die Hintergründe zu dem, was ich erlebte. Herumschwirrende Erinnerungen bekommen einen Rahmen. Und ich merke, dass meine Erinnerungen Wert haben. Doch andererseits merke ich immer mehr und immer intensiver – dass ich anders bin, als all jene, mit denen ich aufwuchs. Unbeschwerte Kindheit war für mich und viele andere unmöglich. Es prägt uns ein Leben lang.

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