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Die Tage die alles bergen

Dieser Text entstand letzte Woche handschriftlich, emotional ob all der bedeutungsschwangeren Tage:

Heute, da ich diesen Text schreibe, ist der 3. Oktober 2014, 24. Jahr der Deutschen Einheit. Ich sitze am Strand auf Korsika. Einer Insel, die 25 Jahre früher ein Name im Geographieunterricht war, mehr nicht. Die Nachbarn dieses Urlaubs kamen aus der Schweiz, Frankreichs Festland, Italien, Deutschland. Dinge, die mir bis heute absurd erscheinen. Alles so normal und dann eben doch nicht. Nichts ist normal. Die meiste Zeit meines Lebens bin ich nun Teil dieser Welt. Einer Welt, für die ich jeden Tag dankbar bin, denn ich ahne, was für einen Lauf mein Leben sonst genommen hätte. Es macht mir auch heute noch Angst. Nein, ich vergesse nicht.

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich nicht wegsehen, warum ich nicht in Oberflächlichkeiten ersaufen kann.

Morgen zugleich ist Jom Kippur. Mein liebster Feiertag im jüdischen Kalender. Auch, wenn ich nicht mehr in einer Synagoge sitzen werde, mich nicht gekünstelt leidend durch den Fastentag quälend, verzweifelt an mit Nelken gespickten Obst riechen werde, um die Tortur des Hungers in unserer satten Welt zu dramatisieren. Ich mochte es nie. Das Fasten an Jom Kippur, als ich noch in die Synagoge ging – es war nie ein Problem. Ich hatte meine Gedanken woanders. Warum soll gefastet werden? Ist es nicht vielmehr so, dass man sich einfach auf die G’ttesdienste konzentrieren soll – unabgelenkt vom Rhythmus des Lebens da draußen? Ja, ich weiß, pragmatische Erklärungen sind nicht gern gesehen. Doch spätestens Mittag ist es auch damit in der Synagoge – nun ja.
Jom Kippur ist der Tag bis zu dem wir selbst um Vergebung bitten sollten. Bis zu dem wir selbst klein wurden, in uns gehen und versuchen sollten, den Schmerz, den wir im vergangenen Jahr anderen zufügten, selbst zu erkennen und um Vergebung zu bitten – nicht G’tt, nicht einen Rabbiner stellvertretend, sondern die, die wir verletzten.

Und gibt es davon nicht viele in diesem Jahr? Nicht nur die Freunde, denen wir vielleicht mal ein hartes Wort sagten? Sollten wir nicht dankbar sein für ein Land in Frieden? Dankbar, dass wir überall hin  reisen dürfen, Berufe frei wählen, lernen, was wir möchten. Dass wir nicht gezwungen sind, die Familie, Freunde, Familie zu verlassen, auf mehr als abenteuerlichen Wegen nach Europa reisend und hier um alle Hoffnung betrogen zu sein?

Ich hatte eine Großmutter, die Ostpreußen, ihre Heimat verlassen musste. Der Dialekt ist Sehnsucht für mich. Wir waren nicht verwandt. Ich war angenommen, wie die Enkelin. Meine Familie selbst war nie geflüchtet. Sie konnten es nicht, als sie es hätten tun sollen – aus den gleichen Gründen, wie es heute oft genug ist. Die Länder sind zu, außer für jene, die Geld haben. Außer für jene, deren wissenschaftliche Leistungen umworben ist. Es hat sich nichts geändert. Man denkt, es wurde aus der Geschichte gelernt, aus Vernichtung, Völkermord, Vertreibung. Nichts hat sich geändert, nichts. Es findet nur an anderen Orten statt und die Welt schließt weiter die Augen.

Ich wünschte, Jom Kippur wäre für alle ein Versöhnungstag, an dem alle innehalten und reflektieren über ihr persönliches Glück und den Schmerz, den sie bereiten.
Wir, die wir das Glück hatten, in einem Land aufzuwachsen, dass uns Zukunft gibt haben die Verantwortung für jene, die dieses Glück nicht hatten. Wir könnnen abgeben. Vor allem können wir Menschen retten, die alles aufgeben mussten. Die ihr Leben lang die Sehnsucht nach der Heimat in sich tragen werden, die aus allem gerissen sind und oft nur mit ihrem Leben davon kommen. Zeigt Menschlichkeit udn versteckt Euch nicht hinter Gesetzen. Man kann sie ändern.

Ich bitte heute um Vergebung, dass dieses, mein Land so wenig tut, trotzdem es selbst ein Land von Flüchtlingen ist – und es vergessen hat.

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