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Das, was ich vermisse. Erinnerungen an das Land meiner Kindheit. #de25

Bücher (7304171958)Angeregt durch die Artikel im Zeit-Magazin „Ostdeutsche: Tut doch nicht so, als sei alles in Ordnung“ möchte ich auch hier Texte veröffentlichen, die ich in den letzten Jahren schrieb, teils auch an anderer Stelle. Sie wurden meist um den November geschrieben…Erinnerungen an das Land, in dem ich aufwuchs – und das wohl ein Anderes war, als das, an das sich die meisten erinnern.

Was vermisse ich eigentlich an diesem Land, in dem ich geboren wurde? Vermisse ich überhaupt etwas? Es gibt nur das, was in den nächsten Zeilen folgt.

Ich erinnere mich vor allem an Stille. Weniger Lärm. Das vermisse ich. Ich vermisse – natürlich – die leeren Straßen Berlins. Die Freiheit auf den Straßen, die wir Kinder hatten. Straßen, auf denen wir spielen konnten, den ganzen Tag. Heute zugeparkt, durchfahren von Autos im Sekundentakt.
Das Melancholische, das die Stadt, auch noch eine Weile nach dem Mauerfall, in sich trug.

Ich vermisse auch, ganz praktisch, das leere Pergamonmuseum, die Museumsinsel in Gänze, die man an Wochenenden als Kind fast allein durchstreifen konnte…hier wieder: Ruhe. Keine Menschen. Allein durch die Straßen von Babylon – das ist für mich meine Kindheit. Das Bild taucht immer wieder auf.

Ich vermisse die unglaubliche Freude, wenn es meine Mutter wieder geschafft hatte, ein Buch aufzutreiben, dass es offiziell nicht gab, nicht geben durfte. Das Besondere der Bücher, die in ihnen wohnenden Geschichten, die Welt, die sich eröffnete. Kann man das heute noch so, genau so fühlen? Die Zwischenzeilen in Literatur, Kunst, Musik? Sie sind gegangen. Kaum jemand kann sie noch lesen. Man braucht sie nicht mehr, heute. Und doch vermisse ich sie.
Die Bücher, sie waren die Tore zur Welt, die damals verschlossen war. So, wie die Museen die Reisen waren, die wir nicht machen konnten.

Das heimische Bücherregal trennte unsere Welt von der da draußen. Andere liefen Südfrüchten hinterher, wir Büchern.

Die Bücher sind geblieben…zum Glück.

1 kommentar

  1. amadigi amadigi

    Oh ja, das leere Pergamon-Museum. Die Freude, wenn ich in Berlin sein konnte, dort ein, zwei Stunden hindurchzuwandern. Eine äußerst innige Beziehung zu ein paar Skulpturen, Büsten, seit ich zehn war. Immer griechisch.
    Das Bücher-Gefühl, ja. Meine einzigen geschwänzten Schulstunden, weil nach Bulgakows Meister angestanden. Die andere Seite aber, dass bestimmte Bücher über Nacht gelesen werden mussten. Ein von mir per Hand kopiertes Exemplar von Rainer Kunzes "Wunderbare Jahren" besitze ich immer noch.
    Dennoch: Viele Bücher hätte ich lieber früher und ohne Angst gelesen.

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