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Verschwundene Erinnerung

Lange war es ruhig um das Gebäude in der Schönhauser Allee 22. In meiner Erinnerung befand sich dort immer ein Polizeirevier. Allerdings wusste ich auch um die Geschichte des gelben Backsteinbaus – gleich am jüdischen Friedhof. Ja, ich weiß das noch, ich komme aus der Ecke. Ich kenne die großen und kleinen Geschichten, wer den Schlüssel zum verwunschenen Friedhof hatte, die Gerüchte um den „Judengang„. Ein Kulturhaus sollte nach der Polizei hinein, seltsame Keller wurden „entdeckt“. Ein Haus mit sehr wechselvoller Geschichte durch die Zeiten, und immer öffentlich.

Doch heute…heute ist es hochpoliert, mit modernem Anbau versehen und nennt sich „Residenz 22“. Die Bewohner sind die ewig gleichen. Und gut ist auch, dass das ehemalige jüdische Altenheim nach dem Leerstand nicht mehr leer ist, nicht mehr verfällt.

Was es aber war, so frage ich mich, wissen es die Bewohner? Die Passanten werden es nicht erfahren. Kein Hinweis, keine kleine Tafel weist darauf hin, dass das Bau einst von Moritz Manheimer errichtet, gedacht war für bedürftige Juden über 60, ihnen ein würdevolles Alter ermöglichen sollte und so ganz und gar im Gegensatz zu dem stand, was es heute ist. Auch hilft die künstlerisch eingeschlassene Schrift am anschließenden Neubau nichts..auch nicht der Blick hindurch auf den Friedhof. Ein wirkliches Erkennen gibt es nicht. Der Friedhof erscheint nur noch als Kulisse – es ist schick, neben toten Juden zu wohnen.

So ist es wieder ein Gebäude mehr, was zwar nicht mehr dem Verfall anheim fällt und sicherlich auch die Gemeindekasse durch Verkauf entlastete, doch es wird dem Vergessen preisgegeben. An eine jüdische Geschichte in Berlin, die durch Geben geprägt war. Geben für die Gemeinde und Geben für die Stadt.

1 kommentar

  1. Anonym Anonym

    1000 Dank für den Beitrag. Ich habe früher auch in der Ecke gewohnt und bin täglich an dem Haus vorbeigelaufen. Ich war auch oft bei den Hausbesetzern nebenan zu Gast. Die bittere Geschichte mit den Kellern kannte ich noch nicht. Damit ist ein längst verschwundene Erinnerung wieder lebendig geworden. Danke dafür.

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