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Ich glaube keinen Bildern mehr

Es ist seltsam, wenn es um Gemälde geht, gehen wir fast immer davon aus, dass sie nicht die Wirklichkeit abbilden, dass sie idealisieren, verstärken, wegnehmen, zusammenstellen, entfremden – was auch immer. Ist es handgemachte Kunst, dann glaubt man der Realitätsaussage nicht. Gemälde sind als historische Quelle per se heikel.

Seltsam nur, dass man es nicht so sieht, wenn die Bilder auf Zelluloid, Fotopapier oder Chipkarte gebannt wurde. Ganz automatisch sieht man hier nur die Wirklichkeit abgebildet – denkt man. Doch so war es noch nie.

Bilder wurden immer bearbeitet, retuschiert, den jeweiligen Erfordernissen und Regierungen angepasst. Dass es hier nicht beim Entfernen von Augenringen blieb ist klar. Eine schöne kurze Übersicht findet man hier.
Ich arbeite quasi täglich mit historischen Fotos. Sie müssen nicht immer retuschiert, sind aber oft genug gestellt, Propagandabilder oder zeigen einfach Menschen, die nicht zeigen wollen, wie schlecht es ihnen wirklich ging. Ich traue keinem Foto mehr, wenn ich es nicht selbst gemacht habe.

Ganz anders da draußen. Bilder überschwemmen uns und scheinen wohl die einfachste und schnellste Möglichkeit zu sein, Informationen aufzunehmen. Doch stimmen diese? Hört man noch den Text, der dazu gehört? Will man ihn hören? Ist man nicht so oder so schon überflutet von Allem, was auf einen einströmt? Und Fotos, natürlich, die zeigen die Realität. Zeigen, all das, was in der Welt an Gräueln passiert. Ich habe ein Problem damit. Aus zwei Gründen: das erste beschrieb Richard Schneider jüngst in seinem Artikel „Über Gaza berichten.gegen die Bilder ist unser Text machtlos“ und das zweite, für mich gravierendere Problem, im Spiegel mit „Manipulierte Kriegsfotos: Bilder die lügen“ beschrieben.

Einen Grundsatz lernte ich damals im Jüdischen Museum, als wir die Aktionswoche „Darfur – Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vorbereiteten. Es ging darum, welche Fotos in der begleitenden Ausstellung und vor allem auf der riesigen Projektion vor dem Haus gezeigt werden würden. Ein Grundsatz, der doch eigentlich Standard jeglichen Journalisten sei: Man zeigt keine toten Menschen, keine Leichen, keine abgerissenen Gliedmaßen. Diesen Grundsatz gibt es im Rennen um Aufmerksamkeit und Lese- und Einschaltquote schon lange nicht mehr. Es ist ein Grundsatz, den ich sehr schätzte und ihn bis heute schätze. Doch er erfordert natürlich eines, Worte, die das Grauen beschreiben, Worte, für die sich niemand mehr die Zeit nimmt – weder zum Schreiben noch zum Lesen.

Heute in diesen Wochen glaube ich keinen Bildern mehr. Ich glaube nur noch den Worten von Journalisten, die nicht gezwungen sind, Quote zu machen. Mich berühren Bilder noch immer. Doch habe ich mir angewöhnt, gerade, wenn hier Kinder missbraucht werden, die niemand fragt, ob sie das möchten, die es nicht wissen, diese Bilder per Rückwärtssuche zu überprüfen. Bisher waren es immer Bilder, die Jahre alt, weniger bearbeitet und in gänzlich anderen Zusammenhängen gemacht wurden. Gerade Kinder, die in diesen Kriegen immer mehr missbraucht werden, als Propaganda, als Schutzschild, als Kindersoldaten. In unserer Welt mühen sich die Eltern, ihre Kinder aus den sozialen Medien fernzuhalten. Sie mühen sich, dass kein Foto erscheint auf Facebook, Twitter und Co.. Doch wenn es um die Bilder von Kindern aus anderen Ländern geht, gilt diese Sorgfalt nicht mehr.
Was würden Sie denken, wenn sie unter Umständen aufwachsen mussten, die sich niemand für eine Kindheit oder ein Leben wünschen kann und sie finden Bilder von sich in Jahren im Internet, in anderem Zusammenhang, missbraucht für Propaganda auf der einen oder anderen Seite? Wie würden Sie sich fühlen, wenn Wunden wieder aufgerissen werden, überwunden geglaubte Traumata hervorbrechen oder Sie sich selbst erkennen, in einer Welt, die Ihnen unbekannt war, weil Sie das Glück hatten zu entkommen? Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie zum Werkzeug wurden, ohne gefragt zu werden?

Ich glaube keinen Fotos mehr und ich glaube noch an den Grundsatz, dass man die Würde der Menschen erhalten sollte. Wir beklagen uns darüber, dass Kinder abgestumpft würden, wenn sie in virtuelle (Baller-)Welten abtauchen – wir machen uns aber keine Gedanken über die Bilder, die in den Medien und sozialen Netzen auftauchen?

Ich verstehe diese Welt nicht mehr.

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