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Die Stärke der Mütter

Christian Rohlfs Drei Frauen

Wie werden wir zu denen, die wir sind? Wer prägt uns, direkt und indirekt? Was macht uns aus?
All dies sind große Fragen. Gerade in der letzten Zeit, die eben doch durch Gedanken geprägt waren, die in meinem Leben bisher keine Gedanken waren, nicht in diesem Ernst, nicht in dieser Angst, fragte ich all die Fragen, die ich meine Vormütter nicht mehr fragen kann. Und dennoch, sie antworteten, antworteten durch ihre Geschichten, ihren Kampf im Lauten, im Stillen, durch ihr einfaches Sein. Sie prägten mich.


Es gab keinen Übervater, keine Vaterfiguren in meinem Leben. Es waren starke Frauen, mit denen ich aufwuchs. Meine Mutter zusammen mit anderen Frauen, die ihre Kinder allein aufzogen waren wir eine bunte seltsame Familie, wie sie selbst heute noch oft seltsam erscheint. Was ich lernte war, dass man alles kann und können muss. Nichts ist vom Geschlecht abhängig. Noch immer sehe ich fassungslos Frauen, nicht nicht mal in der Lage sind, eine Waschmaschine anzuschließen (als Äquivalent, Männer, die selbige nicht bedienen können). Seltsam.

Die Frauen meiner Vorgeneration standen zu ihren Gedanken, zu ihren Lebensentwürfen und mussten politisch dafür zahlen. Doch sie ließen sich nicht brechen, nicht kompromittieren. So wuchs ich auf. Sie machten uns Kinder zu Kämpfern – egal, welchen Geschlechts wir waren. Wir wurden glückliche aufgeschlossene Kinder – bis das System zumindest bei mir zugriff und auch mich zu brechen suchte.

In diesen Tagen dachte ich viel an die Generation davor, meine Großmutter, ihre Schwester. Wie haben sie dien Krieg überstanden – als einzige ihrer Familie, die Mädchen, jungen Frauen, die untertauchten. Die Großmutter offensichtlich ihr Leben lang traumatisiert und dennoch voller Liebe – und Angst. Sie gab mir mit, dass körperliche Arbeit nicht schlecht ist, dass man sie machen muss und kann, wenn es die Umstände erfordern, dass man sich sein Brot verdienen muss und mit wenig glücklich werden kann, dass man Freude in kleinen Dingen findet und das Leben nicht immer einen Sinn zu haben hat – außer eben das Leben selbst. Wir sollen nicht dem hinterhertrauern, dass uns genommen wurde, sondern das beste daraus machen, was nun ist. Kämpfen wiederum.

Ihre Schwester, für mich die zweite Großmutter – vielleicht noch mehr – die mir praktische Dinge mitgab. Wie verstecken, wo am besten untertauchen, Großstädte aussuchen, die man am besten schon kennt, man aber selbst nicht gekannt wird. Und das Wichtigste, der Satz, der wohl ihr Vermächtnis für mich war und den ich einst abtat und der nun doch Bedeutung gewinnt: „Du musst immer jemanden kennen, der nimmt.“ Leute bestechen für Papiere, Nahrung, Versteck – untertauchen, überleben.

Die Papiere habe ich noch immer. Im Zweifel kann ich also „nachweisen“, wenn wieder etwas nachzuweisen wäre. Was damals klappte, wird heute genauso klappen. Und die Frauen, die ihr glückliches Leben jäh verlassen mussten und in dem dann nur noch eines galt, das Überleben, sie sind in mir und sie geben mir die Kraft, wenn ich mich am liebsten verstecken möchte. Alles, was zählt ist das Überleben und ich bin gewappnet dafür. Ich habe das Glück, starke Mütter zu haben – und heute jemanden an meiner Seite, der mich nicht allein kämpfen ließe.

Und dennoch, ich habe selten so sehr darüber nachgedacht: Überleben um jeden Preis. Ich hoffe, ich darf mein glückliches Leben weiter leben.

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