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Und das Land schweigt

Man will uns kriegen, man sagt, man wisse, wo wir wohnen, man droht uns, bedroht uns, geht auf uns los. Hier in diesem Land, auf offener Straße. Und was tut dieses Land? Warum gibt es keinen Aufschrei, kein Ruf des Haltens gegen Menschen, die so etwas rufen? Warum sieht man zu, dass nach dem Gas gerufen wird, in das wir gehen sollen? Warum sieht man zu, dass auf Transparenten „Angeblich früher verfolgt…“ steht? Wo ist der Aufschrei der Bevölkerung, wenn solche Menschen, denen es allein um ihren Hass gegen uns Juden geht, die keine Differenzierung machen, über die gleichen Straßen marschieren wie es einst die Nazis taten? Wo ist die doch sonst so gern empörte Gesellschaft? Wo der Wutbürger? Wo? Ich wünschte, all die Rechtschaffenden, die sich für Bahnhöfe, gegen die Fällung von drei Bäumen am Landwehrkanal, für Nichtbebauung von Flughäfen einsetzten, würden auch genauso laut gegen das stellen, was gerade vorgeht.

Beim Lesen des Artikels über die Eskalation in Berlin, kam mir kurz der Gedanke, was wäre, wenn das alles dort keine Linken, keine „Menschen mit Migrationshintergrund“ wären, sondern schlicht sich öffentlich bekennende Nazis. Das Vokabular unterscheidet sich wenig. Doch es sind keine Nazis. Dafür würde sich die Weltpresse womöglich interessieren. Hier aber muss man nichts tun.
Und da hilft es auch wenig, wenn Frau Pau in einem kurzen Tweet sagt, dass das nicht rechtens sei. Lippenbekenntnis zur Absicherung. Mehr nicht. Konsequenzen innerhalb der Partei? Warum auch? Eigentlich ist es doch alles auf Linie. Auch, wenn man sich nun bemüht, eine Differenzierung zwischen Israel und Juden gruppenübergreifend auf den Demonstrationen durchzusetzen, so ist es absurd. Denn das, was gesagt wird, ist nicht was gemeint wird. Endlich darf man wieder seinen Antisemitismus offen leben – solange man kein Parteibuch der NPD hat.

Ja, ich habe Angst. Mit jedem Tag mehr. Ich fühle mich nicht mehr sicher. Jetzt da gewiss ist, dass die Sicherheitsvorkehrungen in den Synagogen und jüdischen Einrichtungen mehr denn je benötigt werden. Jetzt, da Menschen auf der Straße mitten in Europa angegriffen werden, lediglich weil sie als Juden erkennbar sind. Ich fühle mich nicht mehr geschützt, wie es doch das Gesetz schreibt.

Ich bin nicht da, nicht in Berlin. Der Versuch einer Auszeit. Einer
Pause. Auch das ist hier nicht möglich, bei all der Schönheit um mich
herum.

Und ich wünschte doch manchmal, dass man fragen würde, wie es mir geht im Büro, in den Jobs.  Dass einer sehen würde, dass das alles nicht spurlos vorbeigehen kann. Dass es nicht mehr abstrakt sondern konkret für mich ist und dass ich Tag und Nacht eine Nervosität in mir trage, die ich von der Großmutter kannte und die ich immer abtat. Vielleicht hatte sie doch recht, nie aus ihrem Versteck gekommen zu sein. Ihre Herkunft so tief begraben zu haben.

Und doch, zwischen all der Verdrängung, zwischen all den Versuchen, ein normales Leben zu leben und dem Gefühl nur noch schreiend zu fragen, WARUM? Warum lasst Ihr das zu? Warum steht Ihr nicht zu Euren ewigen Bekenntnissen, die Ihr an Gedenktagen und -stätten loslasst? Ich wusste, es sind nur Worte, die nichts bedeuten. Doch ich hoffte, nie in meinem Leben Gewissheit zu erlangen.

Wir sind in eine Zeit gekommen, in der wir uns wieder verstecken müssen. Nicht örtlich, noch nicht. Aber als Mensch, als Person. Die Herkunft verleugnen, die Religion. Ich kann es nicht, sie ist ein Teil von mir. 

9 Comments

  1. Anonym Anonym

    Auch wenn es traurig ist und so nicht sein sollte werden sie hier in Deutschland nie sicher sein können. Das deutsche Volk, mein Volk, hat es nie gelernt was es bedeutet andere Menschen zu respektieren und Freiheit wirklich zu leben. Vom Genozid ging man in die Schweigephase, von der Schweigephase in das Abstreiten und vom Abstreiten in das "jetzt ist aber einmal gut" über. Die Generation der Täter hat sich versteckt und nie mit den eigenen Verbrechen konfrontiert, die Generation der Täterkinder hatte "wichtigers" zu tun und sich nie wirklich mit der eigenen Schuld beschäftigt und die Generation der Täterenkel, möchte mit der Geschichte nichts mehr zu tun haben. Die Geschichten sind für die Vergangenheit und werden nur bemüht wenn es darum geht die böse zionistische Weltverschwörung zu beschwören. Man hat es in dem Land, meinem Land, immer wieder geschafft sich von allem zu distanzieren.

    Natürlich macht sich das heute bezahlt. Eine Generation von Verleugnern und eine Generation von Ausländern, die niemals die deutsche Geschichte absorbiert haben, stehen gemeinsam gegen Goliath. Sie haben aus der Geschichte nichts lernen können, weil sie die Geschichte nie kennen gelernt haben. Es herrscht eine weit verbreitete Unkenntnis vor und mit Begriffen wie Mandat oder Hagana können die wenigsten etwas anfangen. Deshalb nutzt man Lügen und Propaganda als Wissen, man flüchtet sich wie schon vielfach in der deutschen und europäischen Geschichte in Lügen und Verschwörungen. Leider führen Lügen, immer dazu das man sich an den schwächsten vergreift. Also vergreift man sich heute an den Juden, sie haben keine Lobby in Deutschland und Auschwitz haben ihnen die wenigsten verziehen.

    Die einzige Hoffnung, die mir erscheint, ist das, das jüdische Volk heute seinen eigenen Staat hat. Auch wenn dieser Staat nicht groß ist hat es doch die ultimative Waffe um das eigene überleben zu sichern. Diese Waffen wird es auch noch brauchen. Unsere Gesellschaft ist leider unfähig zur Selbstreflexion, man betrachtet lieber die Bilder toter Kinder anstatt in Ruhe die Opfer zu bejammern.

  2. NOA NOA

    "und das Land schweigt"….
    ich habe nichts anderes erwartet, Juna. die ach so freundschaftliche Stimmung Stimmung Juden gegenueber truegt und ist nicht echt.
    Noa

  3. Anonym Anonym

    "Endlich darf man wieder seinen Antisemitismus offen leben – solange man kein Parteibuch der NPD hat."
    aber auch
    "Endlich darf man wieder seinen Antisemitismus offen leben – solange man Muslim ist."
    Aber, solange Sie die die derzeitigen Haupttäter nicht beim Namen nennen, solange kann ich ihnen nicht helfen – falsch, streichen Sie das "kann" und ersetzen Sie es durch "will", denn ich tat es schon einmal, stand dann aber alleine, weil ich von meinen jüdischen Mitbürgern, die ich zu schützen versuchte, keine Unterstützung bekam.
    Solange es keine gegenseitige Solidarität und Unterstützung gibt, solange werden Sie alleine stehen, was ich bedauere.

  4. Isabella Isabella

    In München begibt sich Stürzenberger jede Woche in Lebensgefahr-soviel ich weiss unterstützt ihn nur 1 Jude.Andere beschimpfen ihn als Nazi und paktieren mit einem Imam der angibt sein Vorbild sei ein Imam der SS!Auch dort wird von Moslems öfter zum Mord an Juden,Christen etc aufgerufen,Merkel als Zionistenschwein beschimpft etc. und die Polizei macht nichts ausser das sie Stürzenberger anzeigt wenn er länger als 10 min. spricht(ist wohl die einzigste Demo mit deart drastischen Auflagen in D.) weil es angeblich zu laut ist,die Gegendemonstranten-meist Testosteron geschwängerte Moslems-aber auch Punker,Linke und alle Mitglieder aller anderen Parteien dürfen dagegen soviel Krach machen wie sie wollen und filmen(Ist dem St. auch verboten obwohl es schon mehrfach Angriffe gab)…

    Auch ein Herr Graumann schlägt verbal auf Islamkritiker ein und kuschelt mit Moslems obwohl er doch genau wissen dürfte was der Islam predigt.

    Man füttert weiter das Krokodil damit man nicht zuerst gefressen wird.

  5. Anonym Anonym

    Ich glaube weder, dass der Deutsche per-se Antisemit ist, noch dass er es "nie gelernt hat, andere zu respektieren" (um hier mal den obigen Kommentar zu zitieren). Genau solche Aussagen und die Tatsache, dass komplett ausgeblendet wird, welche Gruppen wirklich an diesen Demos beteiligt waren – da liegt das Problem. Und überhaupt finde ich die Verwendung des Wortes „Volk“ etwas merkwürdig. Diese Gruppe definiert sich über den gemeinsamen historischen Hintergrund? Zuwanderer können demnach nicht zum Deutschen Volk gehören? Ist das nicht auch irgendwie Diskriminierung? …
    Das Land schweigt, weil man seit Jahren nichts anderes getan, hat als Antisemitismus mit dem rechten Spektrum zu verbinden und die jetzige Hetze halt nicht ins Schubladendenken passt.
    Keiner will wahrhaben, dass sich solche und andere extremen Ansichten nicht nur rechts, sondern auch links und im Zuge von Immigration eingeschlichen haben und plötzlich kein Randproblem mehr darstellen.
    Egal ob sogar die Großväter der Großväter schon deutsch waren, ob man vor 2 Monaten hier hingezogen oder Kind von Migranten ist – niemand hat das Recht andere zu diskriminieren, zu unterdrücken oder Gewalt anzudrohen oder anzuwenden. Schon gar nicht in unserem Land.
    Bitte aus dem politischen Schubladendenken aussteigen, sich umschauen und wahrnehmen, wo die Probleme zu finden sind und dagegen vorgehen – ohne Wenn und Aber.

  6. Anonym Anonym

    Hallo Juna! Ich kann deine Angst vollkommen nachvollziehen,es ist einfach nur abscheulich,was in den letzten Tagen an anti-semitische Gewalt und Hetze auf den Straßen Europas entfesselt wurde! Meiner Meinung nach wird unsere Gesellschaft derzeit massiv bedroht durch den radikalen Islam,welcher sich nicht nur gegen Juden,sondern auch gegen Christen,Atheisten,Homosexuelle und moderate Muslime richtet,weshalb wir eigentlich als geschlossene Gruppe gegen diesen neue Form der Unterdrückung auftreten sollten!
    Ich hoffe,dass diese Ausschreitungen weite Teile der Bevölkerung aufrütteln und zum Handeln bewegen,denn allein mit moralischer Entrüstung ist niemandem geholfen. In Zukunft werde ich besonders aufmerksam sein,wenn wieder eine Pro-Palästina-Demo stattfindet und antisemitische Auswüchse dokumentieren und anzeigen.
    Auch wenn viele Hassprediger bei den Demos auftreten,stellen sie dennoch eine Minderheit dar,es ist noch nicht zu spät um die Situation in den Griff zu bekommen,wir dürfen den Radikalen nicht so einfach das Feld überlassen!

  7. Traurig, aber wahr. Ich sehe wenig Hoffnung, da ich befürchte, die muslimischen Hetzer und ihre nützlichen Idioten (Augstein, Grass etc.) sprechen nur das laut aus, was an den deutschen Stammtischen sowieso gang und gäbe ist.

    Dazu passt auch, dass der "Antisemitismusforscher" Wolfgang Benz mal wieder "nichts sieht". Offenbar ist er erblindet – siehe:
    http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Politik/d/5116006/-seltsame-leute-rufen-bloedsinnige-parolen-.html

  8. Anonym Anonym

    Ach, hat mich der Benz jetzt aber beruhigt. Es ist ja nur so, dass: "die israelische Regierung habe Interesse daran, dass jede Kritik an ihren Handlungen als Antisemitismus verstanden wird." Und ich dachte schon, die ganzen Demos seien per se antisemitisch (bin wohl wieder auf die "zionistische Propaganda" reingefallen). Dabei haben ja nur "am Rande der Demonstration" ein paar "seltsame Leute" antisemitische Parolen skandiert. Sonst waren es ja alles ganz nette Leute, die ihr "Mitleid mit getöteten oder verletzten palästinensischen Zivilisten" zum Ausdruck bringen wollen.

    Der verharmlost ja nicht nur, sondern gibt diesen Judenhassern geradezu ein "Alibi". Wenn ein "Antisemitismusforscher" solches von sich gibt, dann ist es nun wirklich zum Fürchten. Werde mich bei ihm noch für seine "Aufklärung" bedanken …

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