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Gedanken über Cherem

Bei allem, was ich in den letzten Tagen im Nahen Osten so beobachte und wie hier die Dinge einfach so weitergehen, als wäre nichts geschehen, als wären nicht unschuldig Kinder ermordet worden, die mit diesen Feindschaften nichts zu tun haben, befällt mich Unverständnis.
Ich habe es aufgegeben, in den deutschen Medien nach einigermaßen neutralen Berichten zu suchen, versuche nur, die reinen Informationen zu filtern und versuche gleichzeitig, hier irgendwie weiterzumachen, wobei tief in mir die Angst schlummert. Nicht nur die Angst um die Freunde in Israel. Es ist vielmehr Angst vor einer größeren Dimension.

Als die Nachrichtigen über den Mord an Mohammed Abu Khdeir kamen überfiel mich eine Vorahnung. Auch, wenn sich die Familie in merkwürdige Widersprüche verwickelte, so muss man doch konstatieren, dass ermittelt wurde, um den oder die Mörder zu finden. Die unglaublichen Vermutungen haben sich nun offensichtlich bewahrheitet. Die ersten Geständnisse, bzw. das „Einräumen einer Schuld“ der festgenommenen jüdischen Extremisten sind durchgesickert.

Und mir wird schlecht. Ich schäme mich und ich verabscheue. Andere Kinder im Namen des Judentums zu ermorden, ist für mich nicht in Worte zu fassen. DAS ist nicht mein Judentum. Der Mord ist mit nichts zu rechtfertigen. Warum haben wir jahrtausendealte Gesetze, um so etwas zu verhindern? Um fragwürdige Racheakte jeder Art an Unschuldigen abzuwenden? Ich schäme mich. Schäme mich für Menschen, mit denen ich doch nichts gemein habe außer das Volk. Und mir kommen Gedanken an Cherem, den Ausschluss aus dem Judentum, aus der Gemeinschaft, die doch für Juden so wichtig ist. Etwas, was ich bisher auch immer verabscheute. Das wohl bekannteste „Opfer“ von Cherem, Baruch Spinoza, war Philosoph und hat gegen eingeschlichene Dogmen gedacht. Er hat gedacht und wurde als gefährlich empfunden. Diese Männer nun in Jerusalem haben einen unschuldigen Jungen entführt und ermordet, ihn bei lebendigem Leib verbrannt. Ich bin fassungslos und versuche mich neben allem, was hier in Deutschland irgendwie weitergeht, zu sortieren. Waren es bisher nur Steine, die am Schabbat auf Busse geworfen wurden, und die Absurdität von Ansichten zeigten, die mit dem offenen gelebten Judentum, wie ich es mein zuhause nenne, nichts zu tun haben. So ist das bar jeden Vorstellungsvermögens.

Ich denke, auch die religiöse Seite des Volkes, sollte nun laut werden und gegen solche Mörder aufbegehren. Die Rabbiner, die doch in Israel ihre Hierachien haben…sagt laut und für alle vernehmbar, dass das verurteilt wird und in keinem Zusammenhang mit dem Judentum steht. Dass das zum Ausschluss führt. Ja, das würde ich mir wünschen. Es wird nicht geschehen. Und so sind die Gebete in diesen Tagen für vier Jungs, die sich nicht kannten und ermordet wurden im Namen einer Sache, die doch längst überwunden geglaubt schien.

2 Comments

  1. es ist unfassbar schrecklich. falls es dir ein bisschen "nachat" gibt, mag ich dir aber sagen, dass alle juden, säkular wie religiös, in meinem persönlichen direkten und virtuellen umfeld diese tat aufs äußerste verurteilen. was mich allerdings stresst ist das beharren mancher, dass es überhaupt nicht sein kann, dass diese tat von juden begangen worden ist. es sei eine propagandalüge und sicher käme bald ans tageslicht, dass der junge von den eigenen leuten (aus allerlei gründen) ermordet worden ist. dieses (selbstgerechte) verdrängen ist fast genauso übel, wie die versuchte rechtfertigung finde ich. 🙁

  2. Ja, diese kleinen Nachrichten, diese kleinen versteckten Zeilen irgendwo – auch das gemeinsame Trauern von Juden und Muslimen, all das, was wenig pressetauglich zu sein scheint, weil wohl eben nicht schlagzeilenwürdig, das gibt mir Trost.

    Ich stimme Dir zu, dieses Anzweifeln, dass der Mord nicht von Juden begangen sein könne, eben weil sie Juden sind…fürchterlich, verdrängend und selbstgerecht. Wir sind uns da einig. Bisher hatte ich diese merkwürdigen Sichten nur von Philosemiten hören müssen, die da meinen, Juden seien per se gute Menschen. Dass sie das nicht sind, sondern lediglich eines, nämlich Menschen in allen Facetten und Farben…wir wissen das. Es wäre für ein Leben auch leichter, wenn die Welt es einfach mal so sähe und nicht erwartete, dass wir entweder nur gut oder nur schlecht sind. Da liegt denke ich eines der Probleme. Drei der Täter haben ja nun schon gestanden, wenn ich das richtig sehe. Ich hoffe sehr, sie bekommen das entsprechende Urteil für diese Tat. Soweit vertraue ich auf Israel als demokratischen Staat. Wenn es religiöse Extremisten waren und nicht nur dann, erwarte ich eben auch eine Verurteilung des Oberrabbinats…

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