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Der gewöhnliche Antisemitismus

Anlässlich der hiesigen Antisemitismussymposiums brachte der Deutschlandfunk einen kleinen aber durchaus hörenswerten Beitrag. Auch, wenn er mich nicht überrascht, im Gegenteil eher die Überraschung ist es, die mich immer überrascht, so sollte man sich ruhig anhören und sich selbst befragen.

Persönlich habe ich mir meine Blase gebaut, in der meine Religion (fast) keine Rolle spielt. Das ist natürlich. Wer will sich schon mit Menschen umgeben, die einen nicht nehmen, wie man ist, nur weil man platt gesagt kein Weihnachten feiert.

Nein, Antisemitismus im bürgerlichen Millieu ist keine Seltenheit – im Gegenteil. Neu ist allerdings die Verbindung, die man heute mit den Anfängen des Antisemitismus zieht. Auch das überrascht mich nicht, scheint mir aber dennoch etwas hergeholt. Was ich sehe ist keine Tendenz in die Linke, in die der Antisemitismus rückt, sondern ein Auferstehen eben an einer Ecke der Gesellschaft die in Selbstgerechtigkeit natürlich nur gegen den Nationalsozialismus kämpfte, ob nun neu oder alt.

In meiner Arbeit selbst spielt meine Herkunft keine Rolle. Endlich, nach dem Weggang, aus dem Jüdischen Museum bestand die Möglichkeit, weder mit der einen noch der anderen Seite konfrontiert sein zu müssen. Endlich normal sein…bis dann eben der Winter kam. Er kam, nur der Winterdienst, bestellt von der Stadt nicht. Die Beschwerden der Nachbarn häuften sich. Wir leiteten sie weiter, versuchten zu beschwichtigen und zuzuhören, irgendwie Konflikte zu beseitigen, war man auch so ungewollt an diesem Ort in diesem Viertel. Und letztlich lief es immer auf eines hinaus. Ja, natürlich kann die Stadt das ja alles nicht leisten (auf einmal!), man muss ja schließlich für die Juden soviel Geld ausgeben, damit die da ihr Denkmal bekommen. Immer wollen sie Geld von uns, immer werfen sie uns den Holocaust vor.
Hinterfragt man, bekommt man schnell mit, dass es eben nicht die „Juden“ waren, sondern die Nichtjuden, die in welchem Bestreben auch immer, ihre merkwürdigen Arten von Schlussstrichen ziehen wollten, die dem Parteigegnern dann aber auch nicht in Übertrumpfungsmanier genug waren. Und so, so schaukelt es sich hoch. Gegenseitige Kontrolle, Gesellschaft. Jetzt mal ehrlich, welcher Jude hat dieses Monstrum da wirklich haben wollen? Irgendwie war einem doch klar, dass uns damit (wie immer) ein Bärendienst erwiesen werden würde. Spätestens mit dem Abweisen des Vorschlags Paul Spiegels, das Denkmal ALLEN Opfern zu widmen.

Menschen, die wettern, man hätte es satt, dieses ständige Thema, die Juden sollten endlich mit den unentwegten Ermahnung aufhören, verkennen oft, dass die täglichen Dokus im Fernsehen durchaus nicht von Juden gemacht wurden, die Nachfrage auch nicht von Juden kommt, Juden auch nicht die Lehrpläne machen und Juden auch nicht in sonderlich großer Zahl im Bundestag sitzen. Bald fällt auf, dass jene, die eins so indoktriniert wurden in der Schule, was sie zu fühlen und zu denken haben, so es um den Holocaust ging, von 68ern unterrichtet wurden, die auch heute noch gern vorschreiben, was man zu empfinden habe. Großartige Pädagogik – nicht. 

Glücklicherweise kommen andere Zeiten und ja, ich bin optimistisch, Zeiten in denen Lehrer tatsächlich unbefangener mit dem Thema umgehen, Lehrer, die tatsächlich neugierig sind und ihren Schülern nicht nur das Schwarz-Weiß vermitteln, wie es so lang geschah und uns, uns Juden nicht gerade bei allem Wohlwollen half. Überhaupt Wohlwollen.

Und auch der im Beitrag benannte Mansch von Juden und Israelis…das ist wohl das, worunter wir dieser Tage am meisten leiden. Ganz abgesehen vom Betretensein, vom erstmal nachdenken, was kann ich jetzt noch sagen, so man sich outet. Irgendwas kommt immer. Hat man Glück, so sind es Fragen zum Judentum, also wirkliche Fragen, wirkliche Neugier. Die Beantworte ich gerne und mit Freude. Fragen zu Israel…Himmel, fahrt selbst hin. Dann habt Ihr den gleichen Stand wie ich. Es soll tatsächlich Leute geben, die keine Verwandtschaft dort haben.

Die im Beitrag angesprochene Analyse der Briefe an den Zentralrat, die letztlich das nun offensichtlich wissenschaftlich verifizierte Ergebnis zu Tage förderten, dass es Antisemitismus auch in der bürgerlichen Mitte gäbe (Surprise!) sind auch keine Überraschung. Waren sie schon vor etlichen Jahren im Jüdischen Museum ausgestellt. Meines Erachtens immer wieder eine der besten Ausstellungen zu Thema. Auch ich begriff nach der Lektüre, warum der Zentralrat so ermahnend war, so oft sich einmischte, wenn ich noch dachte, haltet Euch raus. Nachdem ich selbst im JMB einige solcher Briefe „erhalten“ durfte, brauchte ich einige Zeit, wieder an das Gute zu glauben.

Die Publkation von Frau Schwarz-Friesel „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ von 2012 ist leider nichts für mein Budget. Schön wäre es, vielleicht auf aufrüttelnd, wenn ein Band erschien, der auch abseits der Wissenschaft gelesen (und gekauft) werden könnte. So schlösse er sich wohl an die von mir geliebte LTI an und würde vielleicht so einige zum Nachdenken anregen.

Ich hab ja nichts gegen Juden, aber….

Fragen Sie einfach mal nach, wie oft man das schon gehört hat…und versuchen Sie sich einmal in Ihr Gegenüber zu versetzen. Sei es nun Jude, Roma, Türke, homosexuell…und kommen Sie vom hohen Ross der intellektuellen Selbstgefälligkeit herunter. Links sein, ist kein Synonym für Guter Mensch.

Ein Kommentar

  1. Ihre persönliche Betroffenheit kann ich nachvollziehen, doch auch ich muss damit leben, von Ausländern und Antideutschen als Deutscher nicht gemocht zu werden.
    Wenn ich das richtig sehe, hat ja niemand etwas persönlich gegen Sie als Jüdin – was ich als Vorurteil bezeichnen würde – sondern die Vorbehalte und Kritik beziehen sich auf das Kollektiv der Juden weltweit, wobei es sich dann um ein Ressentiment handeln würde.
    Vorurteile und Ressentiments sind allerdings nichts außergewöhnliches, begegnen weltweit alle Fremden irgendwelchen Ressentiments, so z. B. auch die Araber oder Iraner in der zionistischen Öffentlichkeit?
    Als Ethnie – hierbei handelt es sich natürlich nicht um das, was Sie schreiben: "Religion" – abgelehnt oder gar verfolgt zu werden, das ist kein jüdisches Alleinstellungsmerkmal, sondern der Normalfall weltweit.
    Dieses Ressentiment als "Antisemitismus" zu klassifizieren, das halte ich für eine Irreführung der Öffentlichkeit, und zwar eine bewusste Irreführung zwecks Ablenkung von berechtigter Zionismuskritik.
    Die Begründung für all diese Thesen habe ich in meinen Essay BLUEPRINTtheorie http://wp.me/pxqev-U1 und KEIN ANTI-SEMITISMUS OHNE SEMITISMUS http://wp.me/pxqev-1f3 geleistet, und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie (oder ein Interessent) den Versuch unternähme, meine Antisemitismustheorie zu widerlegen.
    Mit den persönlich besten Wünschen für Sie
    Ihr Gerd Weghorn
    http://www.kampfkompetenz.de

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