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Empfindsamkeiten

Manchmal hat man so Tage, Tage, an denen man empfindlicher ist. Ich
nehme an, bei mir ist es gerade so. Mit der Arbeit ist es heute auch
nicht allzuweit her. Dann kann ich auch schreiben und mich damit
vielleicht etwas mehr sortieren.

Seit nun 13 Jahren arbeite ich immer wieder an Orten und für
Einrichtungen, die irgendwie etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun
haben. Die Zeit im Jüdischen Museum machte damals den Anfang und prägte
mich wohl am meisten, da ich dort das erste Mal mit wirklichem
Antisemitisten zu tun hatte. Es war schwer, damit zurechzukommen, doch
ich lernte, Abstand zu nehmen, Abstand zwischen der Person, die dort
arbeitet und die Blitzableiter für alle möglichen Launen war, sei es nun
Anti- oder Philosemitismus. Anders als so und im regelmäßigen Gespräch
mit den Kollegen ging es nicht. Ich hörte im Museum auf und Ruhe kehrte
ein. Mit den Themen die folgten hatte ich keine unmittelbare
Verbindung.

Ich habe das Glück zu jenen Menschen zu gehören, die sagen können,
dass ihre Vorfahren nicht in diesem Land ermordet wurden, die sagen
können, dass ihre Existenz der Hilfsbereitschaft von unbeteiligten, dem
Vermögen einer Verwandten und einem Pfarrer zu verdanken ist. Ja, es
gibt Verwandte, die verschwanden, deren Spuren sich verloren und die ich
nicht aufnehmen konnte, auch, wenn ich quasi an der Quelle sitze. Ich
aber bin ein Beweis dafür, dass es eben auch das Andere gab.

Und dennoch. Sosehr ich von all dem Abstand habe. Professionelle
Distanz, private Distanz. Manchmal kommt all die Angst, die doch
übertragen wurde durch. Meine Großmutter hatte diese Angst ihr Leben
lang nicht mehr weg bekommen. Sie ging mir auf den Geist damit. Immer
ruhig sein, nie auffallen, man weiß ja nie. Ihre Schwester, die für das
Überleben sorgte, lehrte mich anderes, Misstrauen den Menschen
gegenüber, immer ein Auge dafür haben, wen man bestechen könnte…und
beide unendlichen Überlebenswillen.

Gestern nun, als man in Berlin gegen diesen fürchterlichen unfreien
Staat versuchte zu revolutionieren, sah ich “Schindler’s Liste”… Ich
weiß auch nicht. Irgendwie schien ich wohl einen Gegensatz zu dem Unsinn
da draußen setzen zu wollen, Prioritäten zurechtrücken. Und
irgendwie…es war seltsam. Nie hatte der Film mich so sehr gepackt wie
gestern. Nie spürte ich soviel Angst, soviel Hilflosigkeit beim Gedanken
daran, dass das alles auch mir hätte widerfahren können.

Ich bin überzeugt davon, dass ich Freunde habe, die auch mir helfen
würden ohne gefragt zu werden, ich weiß auch, wer Angst hätte, mich auch
nur zu kennen. Dennoch, die Angst der Großmutter, die Anspannung der
Tante, sie haben sich doch mehr eingegraben als ich oft wahrhaben will.
Und die Gebete im Film, die kleinen Rituale, sie sind zuhause – auch,
wenn ich sie im realen Leben nur im Stillen habe. Sie sind in mir.

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