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Der Tisch

Der Tisch….und seine Erinnerung

Diesen Tisch brachte ich heute zu meiner Mutter. Ich brauche ihn derzeit nicht mehr, doch ich hänge zu sehr an ihm, um ihn wegzugeben. Er ist nichts besonderes. Gebrochene Tischplatte, manchmal etwas wackelig…es ist mein Tisch. Er begleitet mich nun schon über 25 Jahre und er hat eine Geschichte.

Er ist das Überbleibsel einer Freudschaft, einer Freundschaft, die letztentlich durch den Staat zerbrach, die mir aber bis heute sehr viel bedeutet. Eigentlich kenne ich den Tisch jetzt schon 29 Jahre. An ihm saßen wir im Haus meiner besten Freundin, wenn die Mutter für uns kochte. Gerade mussten wir sitzen. Rita achtete auf Haltung. Kaum konnten wir es erwarten, wieder raus zu kommen, Räder zu schlagen, die Brücke aus dem Stand zu üben oder einfach weiter die Umgebung in Blankenburg zu erkunden.

Wir lernten uns kennen als wir beide gleichzeitig auf diese Schule kamen, diese Schule, an der doch alles besser werden sollte und die mein Leben bis heute prägt. Ich kam allein dorthin am ersten Schultag der dritten Klasse, wusste nicht, wohin. Eine blonde Frau sagte zu mir „Ah, Du siehst auch aus, als wärst Du neu, tut Euch mal zusammen!“ Das war der erste Tag einer Freundschaft, die mir half, den Horror dieser Schule zu überstehen. Zwei Mädchen, die eine blond, die andere dunkel, wir wurden unzertrennlich.

Bald darauf erfuhr ich an diesem Tisch, dass Marias (Name geändert) Vater nicht mehr wiederkommen würde. Er war Arzt und zu Besuch zum 80. Geburtstag seiner Eltern in Westberlin. Er hatte keine Chance im Osten, war kein Parteimitglied. Er blieb…zog bald nach Hamburg. Rita stellte einen Ausreiseantrag. Der Staat informierte die Schule. Es wurde Thema im Unterricht. Eine Klasse gegen Maria – und mich. Drei Jahre ging das so. Unsere Mütter wurden Freundinnen. Meine Mutter konnte Tipps geben, helfen, die wertvollen Dinge vor der Verwertung zu retten. Kontakte vermitteln. Drei Jahre…drei Jahre in denen wir gemobbt wurden, drei Jahre dennoch voller Kirschen im Garten, und dem verdrängten Gedanken, bald allein zu sein. Freunde des Vaters kamen zu Besuch. Brachten luftgefüllte Brötchen und Kiwis. Der Staat, die Stadt ein Gefängnis. Wir versuchten, eine normale Freundschaft zu haben, waren zusammen im Ferienlager, wurden ausgehorcht…blieben Freundinnen, die besten. Noch heute habe ich das Gefühl ihrer Hand in meiner am ersten Tag. Irgendwie war sie auch in allem mein Schutz.

Dann im Herbst 88 ging alles ganz schnell. 24h Stunden hatten sie. Eine Welt brach zusammen. Maria das letzte Mal in der Schule…und ich musste dort bleiben – allein. Ich war aufgelöst. Die Lehrerin versuchte wenigstens dieses Mal, mir zu helfen. Eine Klasse gegen mich. Ich sei ein Landesverräter…sie versuchte es abzumildern, widersprochen aber hat sie nicht. Ich werde nie dieses Bild vergessen, wie ich allein in meiner Bank, ohne die Freundin mit der Klasse gegen mich saß. Was interessierte mich der Staat? Ich habe meine Freundin verloren und würde sie wohl nie wiedersehen, nie mehr so wie es war. Eine Welt brach zusammen.

Spätabends fuhren wir noch hin, kurz bevor sie selbst das Haus verließen. Ein paar Dinge sollten wir bekommen. Hauptsache nicht dieses Land. Wir beide hatten Wellensittiche gekauft, jetzt sollte Charly mit zu Tschibi ziehen. Der Tisch, dieser Tisch kam zu uns, eine alte Truhe, ein paar Glasschalen, eine Vase. Das war alles, was blieb. Und ich…allein.

Bald eine Karte von Maria, ihren Januargeburtstag feierten sie auf Gran Canaria. Wir Winterkinder…für mich gab es im Dezember nicht einmal Blumen und da saß sie in kurzen Hosen. Seltsame Welt das.

Im Frühling endlich durfte Maria zu Besuch kommen. Einen Tag. Wir waren uns fremd. Sie lebte inzwischen als Tochter höheren Hauses in Hamburg. Lateinunterricht und Reitstunden…kein stromern über die Felder mehr…sie passte sich an.

Die Schule, ich konnte nicht mehr dahin. Die Prügel der anderen Kinder, das Wegsehen der Lehrer. Die Winterferien kamen, ich war weg von all den Stasikindern. Ich arrangierte mich in mein neues Leben, ohne die Kirschen…ohne die Freundin. Dann kam die Wende, so plötzlich…und wir, wir waren bei der Familie in Hamburg, fast jedes Wochenende…und auch endlich bei Maria und Rita und ihrem Vater, der inzwischen einen deutschlandweiten Ruf als Arzt hatte…sollten wir dort bleiben? Was hielt uns in Berlin?…wir blieben in Berlin. Maria und ihre Eltern zogen auch wieder zurück, an den Botanischen Garten zunächst. Wir wurden nicht mehr die Freunde, die wir waren. Sie lebte in einer anderen Welt. Ich, das Künstlerkind und sie die Arzttochter. Irgendwann, als wir erwachsen waren, traf ich sie noch einmal. Noch immer mit der Sehnsucht nach dieser Freundschaft. Es stellte sich heraus, dass die Mutter alles wusste, es war lange geplant. Für Maria auch ein Bruch mit ihren Eltern, das ewige Spiel, sie trauten nicht dem Kind, das sie verraten hätte können. Man kann es verstehen, als Kind kann man es nicht. Die Mütter trafen sich noch…doch dieses Schweigen stand von nun an zwischen ihnen.

Was blieb von dieser wunderbaren Kinderfreundschaft ist dieser Tisch und die Truhe. Sie wollten sie nicht mehr haben. Es erinnere sie zu sehr an die schlechten Zeiten.

Seltsam, mich an die schönsten Kinderzeiten.

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