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Eine Ostdeutsche Familiengeschichte

Ein weiterer Vorteil, wenn man zuhause bleiben muss und nur schlecht schreiben kann, ist lesen…endlich Zeit. So konnte ich auch endlich mal wieder ein Buch lesen, das nichts mit Studium oder Arbeit zu tun hatte: Haltet euer Herz bereit: Eine ostdeutsche Familiengeschichte von Maxim Leo.
Das Buch ist schon ein paar Jahre alt. Manche Bücher brauchen eben etwas länger, um irgendwo anzukommen. Es gibt wenig an Erinnerungen, Romanen, Filmen, die mich an meine Kindheit in diesem Staat erinnern, an meine Welt, in der ich aufwuchs und die doch so anders war. Leo hat das erste Buch geschrieben, in dem ich mich wiederfinde. Es gibt selten Bücher, in denen ich so viele Anstreichungen mache, wie in diesem. Selten Zeilen, die so sehr aus mir sprechen, das Gefühl gebend, ich bin nicht allein. Und es ist nicht nur die Geschichte seiner Familie in der DDR, sondern darüber hinaus auch in den vorvergangenen Welten zweier Weltkriege und nicht zuletzt die Entdeckung seiner Abstammung, die Widersprüche aus allen Welten zu stammen…die Dilemmata.
So schreibt er folgendes über seinen Großvater Werner, der erst überzeugter Nazi, dann in der DDR Kommunist war:

Wenn Werner vom Arbeiterparadies spricht, denkt Wolf an die alten Frauen, die jeden Tag bei ihnen gegenüber an der Straße vor der Kohlenhandlung stehen und darauf warten, dass ein paar Briketts vom Laster fallen.

Der andere Großvater Gerhard, der erst durch die Nazis zum Juden wurde und der den Krieg in Frankreich überleben konnte hingegen:

Gerhard hat mir einmal erklärt, er habe im Krieg als Kommunist gekämpft und nicht als Jude. Ich glaube, jüdisch zu sein bedeutet für ihn, sich nicht wehren zu können, Opfer zu sein.

Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen, besonders, wenn man zu sehr in nostalgische Gefühle eingelullt ist.

Wer Jeans und Pantoletten trägt, ist ein Klassenfeind

Es ist auch meine Welt gewesen. Vermutlich zum Teil geschützt durch den kommunistischen Großvater, der kein Jude war, aber für die “Sache” starb, verbrachten wir ein Leben zwischen den Zeilen, zwischen den Welten. Schizophrenie von klein auf,

Was ist bei mir angekommen vom großen Traum? Kleingeistige Verbote, peinliche Prinzipien und Jeans-Hosen, die aussahen wie ein verlängertes FDJ-Hemd.

Leos Worte zogen mich in meine Kindheit, voller Absurditäten aber vor allem in eine Welt der Angst, am Abend noch eine Familie zu haben. In eine Welt, in der für mich nie etwas sicher war. In der es schöne Bilder gab, schöne Erinnerungen, die doch aber immer begleitet wurden, von diesem Schatten, der über die meisten Jahre tiefschwarz war.
Und so las ich diese Geschichte, beendete das Buch, räumte es ins Regal, um festzustellen, dass das große Bild über meinem Schreibtisch, das Bild, um das ich immer kämpfte, weil es etwas in mir bewirkt, auch, wenn es auf andere bedrohlich wirkt, dass dieses Bild von Wolf Leo stammt, Maxims Vater. Es ist ein Bild mit Zwischentönen, voller Kraft. Ein Bild, das etwas zu sagen hat aus einer Zeit, in der durch Kunst das gesagt wurde, was mit Worten zu gefährlich war. So schließt sich der Kreis.
Und wie Maxim bin ich vermutlich deshalb ein “Wessi” geworden…wer weiß. 

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