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Parallelen

Heute vormittag sah ich in der Mediathek diese kleine Doku hier: „Die Kinder der Herrenrasse – Organisation Lebensborn“ . Die Dokumentation brachte nichts neues, unbekanntes, doch sie fragte einfach abseits der wissenschaftlichen Aufarbeitung vorsichtig nach dem Inneren, dieser Kinder. Kinder, die, wenn sie Glück hatten nur die Mutter hatten, Kinder, die in Osteuropa wegen ihres vermeindlich „arischen“ Aussehens geraubt wurden, Kinder die im Wahn der Rassenideologie für „Volk und Führer“ gezeugt wurden und in den Heimen des Lebensborn aufwachsen mussten.

Einer der Interviewten sagte einen Satz, der mich selbst wieder zurück riss in die Zeit, in der ich selbst suchte. Er sagte in etwa „Wenn man weiß, woher man kommt, wenn man seine Wurzeln kennt, kehrt Ruhe ein. Bis dahin kann es keine Ruhe geben.“

Und so ist es. Das Empfinden macht keinen Unterschied darin, warum unsere Vorfahren, Eltern, Großeltern nichts erzählen. Sie mögen schützen uns schützen wollen vor dem Schmerz – so wie bei mir, sie mögen etwas nicht mehr preisgeben wollen, so wie die Eltern der Lebensbornkinder. Was uns verbindet, und was eben keinen Unterschied macht, ist, dass uns allen die Wurzeln genommen wurden, dass wir alle irgendwo daher schwimmen. Im Leben funktionieren, aber nie diese Ruhe kennen, die kindliche Unbeschwertheit, die andere Kinder haben. Weil man doch immer spürt, dass irgendwas anders ist. Sei es eben nun, dass man eben nicht das gleiche Schicksal erleiden soll, dass man nicht über den Vater oder die Mutter spricht, die Zwangsarbeiter waren, Eltern, die die „Herrenrasse“ schaffen sollten. Wir Kinder sind die Kinder, die geeint sind. Wir alle haben keine Wurzeln, bis die Antworten gefunden wurden, oder man zumindest etwas näher herankommt.

Ein weiteres Beispiel war der Mann, der seinen Vater sein Leben lang nicht kannte, dann auf Bildern in Geschichtsbüchern nach einer Ähnlichkeit suchte. Und herausfinden musste, dass er von Ludolf-Hermann von Alvensleben abstammt. Ich kann mir nicht im geringsten die Gefühle vorstellen, die einen ergreifen, wenn man erfahren muss, dass man von einem Massenmörder abstammt…dagegen tritt mein Hadern mit dem Stasi-Vater vollends in den Hintergrund.

Im Gespräch aber merkte ich, dass diese Wurzellosigkeit und diese Unruhe tatsächlich nur jemand begreifen kann, der selbst wurzellos ist oder war. Die Gedanken warfen mich zurück. Und fühlte alles, was ich fühlte auf meiner Suche nach Antworten, die ich fand – oder nie finden werde. Ein Teil von mir bleibt wurzellos. Der andere Teil hat mit den Antworten, was anders an mir ist, seine Ruhe gefunden und sein zuhause. Das wünsche ich allen Kindern. Egal, woraus sie entstammen. Wir sind nicht unsere Vorfahren, wir sind wir und müssen diese Welt hier so gestalten, dass sie besser wird. Dass soetwas nie wieder geschehen kann. Dass nie wieder Kinder für Ideologien missbraucht und verwundet werden. Auf welcher Seite auch immer.

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