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Sehr geehrte Frau Kipping,

„Linke-Chefin Katja Kipping sieht alle Ostdeutschen als Opfer der neuen Stasi-Vorwürfe gegen Gregor Gysi. Die Menschen hätten genug davon, „ohne jede Ahnung vom Alltag in der DDR“ verurteilt zu werden.“ (Welt online, 12.02.13)

Das durfte ich als Schlagzeile in der bekannten Newssuchmaschine lesen. Ob ich wollte oder nicht. Sehr geehrte Frau Kipping, ich verwahre mich dagegen, dass Sie für alle Ostdeutschen sprechen. Es macht mich wütend, dass jemand, der offensichtlich den Schutz eines ehemaligen IM höher stellt, als den Opferschutz sich aufspielt, für alle zu sprechen, die in der DDR lebten und vor allem aber auch litten. 

Ja, es ist richtig, dass es noch immer Ungerechtigkeiten gibt in Gesamtdeutschland. Ist es aber nicht so, dass Ihre Hauptwähler am wenigstens darunter zu leiden haben? Dass die alten Genossen keine Verluste hinnehmen mussten, außer eine zeitweise Ächtung in der Gesellschaft, die schon fast in Monatsfrist nach Mauerfall wieder verfiel und man sich gegenseitig gut die Posten und Pöstchen sicherte, während die Opfer dieser Diktatur bis heute unter ihr leiden. Während Familien bis heute zerstört sind, Menschen gebrochen und nicht mehr heilbar? Währen Kinder in steten Misstrauen aufwuchsen, nie die Unbeschwertheit einer Kindheit wie sie sein sollte erleben durften, weil die Partei davor war? Sie immer Angst haben mussten, dass am Abend die Eltern noch nach hause kämen und nicht in ein Heim müssten? Sie in der Schule zugrundegerichtet und verprügelt wurden und die Lehrer auf dem Hof zusahen, achselzuckend, man könne ja nichts tun?
All die Menschen, die in Gefängnissen ihre Jugend verbringen mussten, weil sie nichts anderes waren als jung. Die Eltern, die einfach nur einmal laut über die Missstände in diesem Staat nachdachten und dafür ins Gefängnis gingen und man ihnen ihre Kinder wegnahm, nur, weil der Schwiegervater das nicht dulden wollte. Oder irgendein IM sich irgendwas für seine Offiziere zusammendichtete, damit er wenigstens etwas hatte, was er abliefern konnte und nicht darüber nachdachte, welche Folgen es haben wird, außer für sein eigenes kleines was auch immer.

Nein, Frau Kipping, Sie denken nicht nach. Sie plappern dahin, ohne die graue Menge in Ihrem Kopf zu bemühen in der Hoffnung, dass Sie auch das jetzt für Ihren Wahlkampf nutzen können. Fakt ist, dass Herr Gysi gespitzelt hat. Daran gibt es nichts zu rütteln. Das kann man schön reden, wie man will. Eine Rolle spielt es doch so oder so nicht. Denn der Westen interessiert sich nicht dafür, was mit den Opfern geschah. Wenn überhaupt, sollten Sie einmal, nur ein einziges Mal darüber nachdenken, bevor Sie wieder für „alle Ostdeutschen“ sprechen. Das ist widerlich. Ich will ein für alle mal nicht in einem Atemzug mit gewissen Personen dieses glücklicherweise untergegangenen Landes auch nur gedacht werden. Ich bin keine von denen. Meine Familie sind keine von denen. Denn hätte es Menschen, wie meine Familie und unseren Freundeskreis nicht gegeben, würden wir noch immer in diesem grauen Land hocken. 
Ich wäre vermutlich längst weg nachdem ich ins Gefängnis gekommen wäre, um dort „erwachsen“ zu werden, dann freigekauft und ohne Wurzeln in einem anderen Land.
Aber Sie, Frau Kipping, haben keine Ahnung und keinen Respekt vor all jenen, die den Mut aufbrachten, aufzubegehren und eben nicht ruhig zu sein und sich anzupassen. Sie sprechen nicht für die „Ostdeutschen“. Sie sprechen für ihre Wähler, die der DDR hinterherweinen. Also fangen Sie endlich damit an, zu differenzieren. Auch, wenn es der „Linken“ nicht gefällt, wir sind noch da und halten auch heute unseren Mund nicht. 

1 kommentar

  1. ….. sehe ich genauso, für mich sprechen Sie, Frau Kipping, auch nicht.
    Letzten lief im Fernsehen mal wieder "Das Leben der anderen" – das war bedrückend und berührend. Aber so war es damals, nicht wie bei "Sonnenallee", "NVA" oder "Good bye Lenin", sondern wie im Knast, echt.

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