Zurück zum Content

Ein Volk (?)

In einem Gespräch mit einem Freund kam mein doch sehr ambivalentes Verhältnis zu – sagen wir vorsichtig – israelischen Reisegruppen zur Sprache.

Ich möchte versuchen, meine Gedanken dazu niederzuschreiben und hoffe, niemanden damit zu verletzten. Diese Dinge sind sehr subjektiv und geprägt durch meine Erfahrungen im Tourismusbereich.

Als das Attentat in Bulgarien stattfand, war ich mit Freunden unterwegs. Der Anschlag hat mich mehr aus der Bahn geworfen, als ich selbst vermutet hatte. So sehr ist es heute an der Tagesordnung, dass Menschen getötet werden, dass man es manchmal nur noch als Radnotiz wahr nimmt. Doch dieses Mal…ich musste irgendwann am Abend sagen, dass mich dieser Anschlag mehr selbst traf, ich ihn nicht so als weitere Schlagzeile wegtun konnte, wie es zu oft passiert. Zu nah war es. Und plötzlich wurde mir wieder bewusst, warum. Denn dieser Anschlag traf auch mich. Mir wurde plötzlich in allem bewusst, dass auch ich dazugehörte. Ich, jeder Jude, Ziel eines solchen Anschlags sein könnte. Im hiesigen Alltag verschwindet das in meinen Gedanken. Hier bin ich Berlinerin. Religion ist privat. Und plötzlich wurde ich rausgerissen und merkte – es gibt Situationen, da gehöre ich auch noch woanders hin.

Und dann, dann plötzlich wieder Arbeit. Seit langem wieder mit den bekanntgroßen Israelischen Reisegruppen (50 Personen aufwärts). Sie sehen in mir die Referentin mit den blonden Haaren. Vermutlich die Verkörperung des Deutschen – und das wird nicht freundlich aufgenommen. Oft genug werde ich nicht nur mit der israelischen Schnoddrichkeit, sondern mit offener Ablehnung bedacht. Dies sind die Momente, in denen ich denke, „nein, das ist nicht mein Volk. Ich bin keine von ihnen“. Früher habe ich mich geoutet, weil es vieles einfacher machte. Ich tue es heute nicht mehr. Ich erwarte, von Gästen immer gleich behandelt zu werden, so wie ich es auch mit ihnen tue. Ich weiß um die Probleme der nichtjüdischen Kollegen, erlebe sie am eigenen Leib. Das Misstrauen, die Ablehnung, was soll damit erreicht werden? Ja, es gibt auch Juden, die in Deutschland leben, immer mehr Israelis ziehen nach Berlin. Nicht ohne Grund. Es ist gut, hier zu sein.
Und dennoch, sitze ich an diesen Tagen zwischen den Stühlen. Ich weiß, auch israelische Kollegen sind genervt, dürfen sich noch mehr anhören, da sie ja das Land verließen. Dennoch, muss es uns denn ins Gesicht geschrieben stehen, dass wir zum Volk gehören? Ich sehne mich nach den Gruppen mit den echten Jecken zurück. Uns verband noch etwas. Die Liebe zu Berlin zumeist, die alten Lieder, Gedichte…die Sprache. Heute scheint uns nichts zu verbinden. Außer eben vielleicht die gleichen Feiertage.

Ich war erschöpft nach diesem Tag, sehr erschöpft. Haderte, mit mir, meiner Herkunft…und meinem einen Volk. Irgendwie war ich am abend froh, auch zu einem anderen gehören zu dürfen…beide haben ihr für und wider. Beide sind mir mal näher, mal fremder. Nach diesem einen Tag fühlte ich nur unendliche Einsamkeit. Fuhr durch das abendliche Berlin…und wusste, dass ich eben hier zuhause bin. Der Pass ist egal, die Herkunft auch, wenn man in den warmen Berliner Sommerabend blickt.

1 kommentar

  1. tja tja

    Ach, wenn man mit israelischen Reisegruppen umgeht braucht man einfach eine dicke Haut, das hat mit jüdisch oder nichtjüdisch gar nichts zu tun. Der Unterschied ist nur, dass Israelis, die israelische reisegruppen handeln, Kummer gewöhnt sind. Ich bin öfters als touristin mit israelischen Reisegruppen unterwegs, und mir tun die Reiseleiter jedes mal (die israelischen eigentlich mehr als die vor Ort, denn mit denen vor Ort halten sich die Israelis noch etwas zurück. Aber der israelische Veranstalter bekommt ständig was zu hören.

    Das fängt mit dem Einchecken an: mir passt das Zimmer nicht, warum habe ich so ein Zimmer und der so ein Zimmer, dann sind die Gäste meist nicht pünktlich, dann verlaufen sie sich irgendwo in der Stadt und man muss sie suchen, etc…

irgendwie kommentieren