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Freiheiten

Seltsam ist, dass ich mich am freihsten fühle, am nächsten bei mir selbst, wenn ich durch den Regen nach hause fahre…ohne Regenkleidung, mich einfach vom Sommerregen durchweichen lasse, ungläubige Blicke ernte und im Vergleich zu sonst, nicht sonderlich schnell fahre.
Ich fühle, dass ich mich wieder mir selbst annähere und ich weiß, was ich tun muss, um wieder dort zu sein, wo ich doch noch gar nicht so lang war, und von wo in in den letzten Wochen abgetrieben war.

Verantwortung. Seit ich ein Kind war, trug ich Verantwortung. Immernoch geht mir diese Werbung im Kopf hoch, in der postuliert wird, dass man als Kind keine Sorgen hatte, frei war. Ich kenne das Gefühl nicht. Erst weit später im Erwachsenenalter kam ich darauf, dass ich zuviel trage – allein, schon immer. Ich konnte mich von wenigem befreien und wehre mich inzwischen mehr zu tragen. Aber manche Dinge kann man nicht abwerfen. Als ich jung war, dachte ich, dass ein klassisches Leben in geordneten Bahnen, mich glücklich machen würde. Es tat es nicht. Es ließ mich funktionieren, auch ruhig schlafen, aber nie ich selbst sein. Ich spielte Leben – mehrere Male. Und weiter trage ich Verantwortung – für andere.

Als vor einigen Jahren, mein Leben zusammenbrach, brach auch in mir etwas zusammen, musste zusammenbrechen, um mich selbst zu befreien. Noch immer sind die Narben von diesem Zusammenbruch da, sie brechen auf, dann und wann, aber ich weiß auch, dass ich ihm verdanke, mich selbst sehen zu können. Zu erkennen, dass ich nicht so bin, wie ich immer dachte. Ich bin nicht konservativ, ich bin nicht strukturiert, ich bin nicht planend und vor allem nicht ergeizig. Ich lebe. Und ich staune noch immer über das, was sich aus der verbrannten Haut geschält hat. Nein, ich strebe nicht nach Familie und Kindern, nach einem Haus, nach Besitz. Ich strebe nach Leben. Ich hatte alles, das Haus in schönster Umgebung, den Besitz, die Familie mit Kindern fast – nur mich selbst eben nicht. Doch ich fühlte mich wohl, ich war mit mir ja noch nicht bekannt.

Heute lebe ich auf wesentlich weniger Quadratmetern, in gänzlich anderer Umgebung mit nur noch einem Bruchteil des Geldes von früher. Nicht jede Nacht kann ich schlafen, da die Rechnungen im Kopf schwirren. Aber gibt es jetzt etwas, was ich ändern würde, so wie ich es immer wollte? Irgendwie nicht. Ich habe keine Angst vor der Wirtschaftskrise. Ich habe nichts, was ich verlieren könnte, ich kann mit sehr wenig auskommen. So bin ich aufgewachsen, ich kenne es nicht anders. Es ist immer leichter, dahin zurückzugehen, als plötzlich nichts mehr zu haben und das nicht zu kennen. Ich bin zufrieden jetzt.

Und dennoch fühle ich gerade, dass ich frei sein muss. Das letzte Jahr, mit Umzug und quasi keinem Urlaub haben mich aus der Bahn geworfen. Ich muss raus, ich weiß es. Ich muss diese Wochen haben, allein in der Natur. Menschen treffen, und weitergehen. Diesemal im wahrsten Sinne. Mehr und mehr denke ich darüber nach, vom Rad auf die Beine umzusteigen, einfach loszulaufen, mit Schlafsack und Matte, auf Wiesen schlafend. Ich brauche diese Zeiten, das weiß ich seit heute. Es war nicht gut für mich das letzte Jahr. Ich muss da raus, ohne Ziel, mit ein paar Karten und jeden Tag sehen, wohin es mich treibt. Bäume zählen, Rehe sehen und wieder einen brünftigen Hirsch gefährlich nah am Zelt hören. Es drängt mich gelegentlich alles, was ich besitze, wegzugeben und einfach loszugehen. Diese Welt hier zu verlassen. Vielleicht mache ich es eines Tages. Aber da ist noch eins, was bleibt, die Verantwortung, die ich trage.

1 kommentar

  1. Anonym Anonym

    “Some people feel the rain. Others just get wet.”
    ― Bob Marley

    🙂

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