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Ein Zuhause für immer

Ich habe den heute freien Nachmittag genutzt, einen Film im Kino zu sehen. Einen wunderbaren Film, einen Film über Berlin, über Juden, Steine, Vögel…Erinnerungen und Zukunft. Der Film „Im Himmel, unter der Erde“ hat mich so sehr berührt, dass ich mich plötzlich wieder zuhause fühle..in der Berliner Gemeinde, meiner Gemeinde. Der Film dreht sich um den größten jüdischen Friedhof Europas – der auch noch immer in Benutzung ist. Man spricht von 120.000 Gräbern, genau nachgewiesen, das Archiv vollständig. Ich erinnere mich als Kind auch noch an diesen verwunschenen Ort. Wir gingen manchmal dorthin, weil es in unserer Familie keine Gräber gab und aber auch, weil es einfach ein schöner Ort ist, ruhig…
Der Film geht Geschichten nach, die mit dem Friedhof zu tun haben. Menschen, deren Familien dort liegen, Menschen, die den Krieg dort überlebt haben und Menschen die heute einfach für den Friedhof arbeiten. Ein schöner Film, der nur ganz selten betrüblich ist, meistens einfach nur das Leben spüren lässt – oder wie Rabbiner Wolff im Film sagt….wir haben das Leben hier.

Gibt es irgendwie die Gelegenheit, sollte man diesen kleinen Film unbedingt sehen. Es ist eben ein besonderer Ort. Und für mich…ist es einfach ein beruhigendes Gefühl, dass ich eines Tages einmal dort liegen werde. An diesem Ort, dem weder Nazis noch DDR verschwinden lassen konnten. Es gibt Ruhe….dieses Zuhause für immer.

Viele Dinge gingen mir durch den Kopf, so spricht z.B. Daniel Hakerem davon, dass der Mauerfall auch ein jüdisches Glück war. Und auch, wenn er es anders meinte. Für mich war es das auch. Ich glaube nicht, dass ich heute auch nur ein irgendwie jüdisches Leben leben könnte…ich hätte keine Chance gehabt, soviel zu lernen und soviel Freiheit zu haben.

Und weil es mich schon im Film zum Schmunzeln gemacht hat, hier noch ein Tucholsky Gedicht von 1925. Ja, ich liebe ihn.

In Weißensee

Da, wo Chamottefabriken stehn – Motorgebrumm – da kannst du einen Friedhof sehn, mit Mauern drum. Jedweder hat hier seine Welt: ein Feld. Und so ein Feld heißt irgendwie: O oder I . . . Sie kamen hierher aus den Betten, aus Kellern, Wagen und Toiletten, und manche aus der Charité nach Weißensee, nach Weißensee.
Wird einer frisch dort eingepflanzt nach frommem Brauch, dann kommen viele angetanzt – das muß man auch. Harmonium singt Adagio – Feld O – das Auto wartet – Taxe drei – – Feld Ei –
Ein Geistlicher kann seins nicht lesen. Und was er für ein Herz gewesen, hört stolz im Sarge der Bankier in Weißensee, in Weißensee.
Da, wo ich oft gewesen bin, zwecks Trauerei, da kommst du hin, da komm ich hin, wenns mal vorbei. Du liebst. Du reist. Du freust dich, du – Feld U – Es wartet in absentia Feld A. Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit, drei Meter lang, ein Meter breit. Du siehst noch drei, vier fremde Städte, du siehst noch eine nackte Grete, noch zwanzig–, dreißigmal den Schnee – Und dann: Feld P – in Weißensee – in Weißensee.

 

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