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Wut

Ich zappte neulich im Fernsehen herum und blieb bei einer dieser Castingshows hängen. Gezeigt wurde offensichtlich gerade die Geschichte eines Kanditaten. Straßenmusikant sei er. Dann gleich der Auftritt vor der Jury. Kaum sagte er, dass er Straßenmusikant wurde das Publikum sofort negativ. Buhte ihn aus, Daumen nach unten. Der junge Mann hatte überhaupt noch nichts getan, nicht gesungen, nicht getanzt oder was auch immer er vor hatte. Niemand dort kannte seine Geschichte. Er wurde sofort verurteilt.
Und so passte das auch in eine Begebenheit neulich in der Bahn, die mich wütend machte. Wer Berlin kennt, weiß, dass oft Obdachlose durch die Bahnen tingeln, Zeitungen verkaufen, Gedichte vortragen oder einfach mal nur um eine Zigarette bitten. Großstätte ziehen eben nicht nur Leute an, die meinen, dass sie nur dadurch ganz oben ankommen können, sonder auch jene, die wie man so sagt ganz unten sind. Auch sie suchen ihr Glück hier, ein Glück anderer Art.
Was ich aber immer mehr beobachte, ist die immer größere Kälte. Da sitzen die feisten Gestalten, neben ihnen die voll gepackten Einkaufstüten mit allerlei, dass sie (vermeindlich) glücklich macht und vermutlich alles andere als nötig ist. Wenn man Geld hat, soll man es ausgeben, die Wirtschaft, die Wirtschaft…aber wenn man hat, wenn einem also gegeben ist, sollte man auch geben. Nicht so hier. Hier wird gemurrt, verurteilt, gemeckert und vor allem eines: sofort verurteilt. Es widert mich an.
Und so eben auch in der Sendung. Dumm nur, dass der junge Mann sehr gut sang und auf einmal sah man standing Ovations für den jungen Mann, der sein früheres Leben eben nicht mehr Leben konnte und so auf der Straße landete. Und er arbeitet, so, wie andere Obdachlose auch. Der eine singt, der andere verkauft Zeitungen oder eine in Berlin dichtet und verkauft ihre Gedichte in der Bahn. Sie alle entsprechen nicht den sogenannten Werten unserer Gesellschaft. Diese scheinen immer mehr Konsum zu sein. Nächstenliebe oder Hilfe an Hilfsbedürftige scheint höchstens nur zu Weihnachten und dann bitte nur für jene, die unseren Vorstellungen entsprechen vorhanden zu sein.

Fragt doch einfach mal den Mann am Bahnhof, wie er dahin gekommen ist, wo er ist. Hören wird man Geschichten, wie sie uns allen ganz schnell passieren können. Dort zu überleben, seine Würde zu bewahren und vielleicht sogar wieder in das „normale“ System zurück kostet vermutlich viel mehr Kraft als wir es uns in unseren warmen vier Wänden vorstellen können. Natürlich gibt es auch jene, für die das nicht zutrifft…aber sollte man nicht jedem Menschen ersteinmal unvoreingenommen gegenüber treten und dann urteilen? Mich widert es an, mit welcher Arroganz wir durch die Welt wandeln, so selbstsicher, wir verdienten alles, was uns geschenkt wird….

2 Comments

  1. Ich kann Dich gut verstehen. Vorurteile und Klischees prägen das Verhalten. Ein bisschen mehr Selbstreflexion würde da nicht schaden. Vielen fällt ihr abwertendes Verhalten gar nicht mehr auf. Die Medien machen es ja vor. Menschen öffentlich zu beschämen st der neue Quotenbringer: zu dick, zu dumm, zu asozial, zu anders.

  2. Es ist aber tröstlich, zu sehen, dass es auch anderen so geht, wie mir. Danke!

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