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Leben geben

Organspende ist wohl eines der vielen umstrittenen Themen im Judentum. Grundsätzlich lernte ich immer, dass es nicht erlaubt sei. Man dürfe dann nicht auf einem jüdischen Friedhof beerdigt werden. Der Körper des Menschen sei unantastbar. Ich habe das nie verstanden. Glaube ich doch nicht an eine wirkliche körperliche Auferstehen der Menschen.

Und nun. Dass ich selbst seit ich 18 bin einen Zettel und dann auch die Karte zur Organspende ohne Ausnahme mit mir herumtrage ist meiner Mutter bekannt und ich weiß, dass sie sich nicht dagegen stellen wird. Was soll ich mit meinen Organen, wenn ich nicht mehr funktioniere? Ich bin Motorrad gefahren, die Gefahr eines entsprechenden Unfalls war nicht gering. Und dennoch war dieses Thema in den letzten Jahren wenig präsent. Mit dem einen oder anderen Rabbiner in Shiurim wurde diskutiert. Der eine oder andere Rabbiner hatte unterschiedliche Ansichten. Eine klare Antwort gab es nicht.

Präsent ist das Thema nun wieder – seit Sonntag. Lucs Herz hat nun aufgehört zu schlagen. Seine Organe werden drei Menschen helfen zu leben. Es war das einzige, für das er gesorgt hatte. Und ich fange an, wieder über das Thema nachzudenken. Ist ein Mensch tot, wenn sein Gehirn tot ist? Für mich ist er es. Denn alles, was ihn ausmachte ist mit damit gegangen. Die jüdische Ansicht hierzu ist eine andere. Erst, wenn das Herz stehen bleibt, ist ein Mensch tot. Erst dann darf man die Organe entnehmen, um anderen zu helfen. Inzwischen ist es gestattet – unter der Bedingung, dass eben das Herz stehen geblieben ist.
Ich bin sehr ambivalent beim Thema Hirntod. Habe ich doch selbst einen Verwandten gepflegt, der hirntot war. Ich war überzeugt, dass er mich spüren konnte. Ich habe mit ihm geredet, über Wochen. Sein Herz schlug, sein Atem ging allein….nur der Mensch war schon viel länger weg.

Wie dem auch sei. Jeder muss es allein entscheiden. Jeder sollte sich Gedanken darüber machen, ob er nicht selbst einmal auf eine Spende angewiesen sein könnte. Jeder sollte sich der Verantwortung, aber auch Chance bewusst sein, die das bedeuten kann.

Luc war nicht mehr da, als heute Nacht seine Organe entnommen wurden. Aber er konnte helfen. Um nichts hat er sich gekümmert, aber darum. Drei Menschen werden jetzt weiterleben können, ein besseres Leben, vielleicht sogar gesund werden können. Und vielleicht wird jetzt jemand anderes nach einem Kaffee rufen können…wie Luc.

Mehr Informationen zum Thema findet man hier.

6 Comments

  1. Zunächst wird man heute auf einem jüdischen Friedhof beerdigt, wenn man Organe spendente.
    Hier mal ein allgemeiner Text dazu, da es bis heute immer noch keine anerkannte rabbinische Entscheidung gibt.

    Probleme der Organtransplantation im Judentum
    von Rabbiner Dr. Jonathan Hermann, Wellington NZ

    Das Problem der Organtransplantation ist sehr differenziert und vielschichtig. Bis heute gibt es dazu noch keine endgültige und allgenmeine rabbinische Entscheidung. Das liegt vor allem an den zwei hohen Geboten, die eine Transplantation tangieren:
    1.) Die Thora gebietet uns, dass ein Arzt alles zu tun hat, um zu heilen und Leben zu retten.
    2.) Tote müssen unversehrt beerdigt werden, es darf ihnen nichts entnommen werden. Selbst Pflaster, Binden etc. die blutig sind, müssen mit dem Toten beerdigt werden, denn es ist sein Blut.

    Wie aber definiert das Judentum den Tod eines Menschen? Die Halacha gibt zwei Kriterien vor:
    a) Das komplette Ende jeder biologischen Funktion, soweit man das durch äußere Wahrnehmung feststellen kann. Also keine Atmung, kein Herzschlag, keine Pupillenregung.
    b) Der Körper kann nicht als funktionierender Gesamtorganismus wieder hergestellt werden, auch wenn individuelle Teile oder Organe noch Spasmen zeigen.
    Maimonides erklärt dazu, dass ein Körper nicht mehr als lebendig bezeichnet werden kann, wenn die Kraft einer Bewegung/Fortbewegung nicht mehr aus dem Zentrum des Körpers stammt, sondern unabhängig den Leib durcheilt. (Guide of perplexed)
    Es liegt nahe, dass die Definitionen des Todes immer auch abhängig von den ausgefeilten Techniken der Wiederbelebung sind. Doch die erste Definition ist grundentscheidend. Das Konzept des Hirntodes ist von der Halachah nicht anerkannt. Denn auch wenn das EEG keine Aktivitäten mehr anzeigt, finden sich durchaus noch Anzeichen, die die erste genannte Definition des Todes auschließen.
    So gesehen, ist eine Transplantation für einen religiösen Juden ausgeschlossen, denn damit würde einem – halachisch – noch lebenden Menschen ein Organ entnommen, was einem Mord gleichkäme, auch wenn der Mensch zuvor seine Einwilligung dazu gegeben hat (Organspendeausweis)
    Ein weiteres Problem ergibt sich mit dem Gebot der Unversehrtheit des Toten.
    Doch wie steht es um das Gebot, Leben um jeden Preis zu retten? Diesem Gebot kann und darf sich ein gläubiger Mensch nicht verschließen.
    Und so gäb es folgende Möglichkeiten, allerdings ist keine halachisch abgesegnet.
    I. Ich lege zu meinen Lebzeiten fest welches Organ ich bereit bin zu spenden. Diesen Willen trage ich immer bei mir. Dabei sollte auch verzeichnet sein, dass das Organ erst entnommen werden darf, wenn mein Herz aufgehört hat zu schlagen. Bei einigen Organen ist dies inzwischen möglich, wenn es auch höchste Aufmerksamkeit beim Sterbeprozess von Seiten der Angehörigen und des Klinikpersonals bedarf.
    II. Ich erkläre einer Person meines Vertrauens, dass ich bereit bin eines meiner Organe zu spenden. Wird diese rechtzeitig erreicht, kann gespendet werden, wenn nicht – dann nicht.
    III. In einigen Ländern gibt es Ärzte mit Smicha. So sie der Organspende gegenüber positiv eingestellt sind, sind sie schriftlich zu benennen (siehe I). Sie sollten bei der Spende unbedingt zugegen sein, wenn möglich die Entnahme selber durchführen.

    Einen allgemeinen Organspendeausweis mit sich zu führen ist halachisch nicht in Ordnung. Dadurch besteht die Gefahr, dass mehr als ein Organ entnommen wird und das Prinzip Herztod übergangen wird. Schwierig wird es in einem solchen Fall auch für jene, die später die Tahara durchführen. An sie sollte man auch denken.

    Siehe dazu auch: Rabinovich, Nahum: „What is the Halakha for Organ Transplants?“ In: Challenge. Thora Views on Science and its Problems. By Aryeh Carmell 1987

    Übersetzt hat es eine Freundin von mir.

  2. Eben, es gibt keine eindeutige Entscheidung. Und es gibt noch immer ein eigenes Gewissen. Es muss so oder so jeder selbst entscheiden. Es gibt genug Menschen, die keine religiösen Gründe haben, die einfach nur den Gedanken nicht ertragen könne.
    Allerdings sollte man festhalten, dass Lebendspende wie Blut oder Knochenmark inzwischen erlaubt ist. Auch Organspende ist inzwischen gestattet, aber eben eine eindeutige Entscheidung gibt es nicht – wie Du auch bemerktest.
    Im progressiven Judentum allerdings ist Organspende gestattet, da dadurch Leben erhalten wird und das wird bekanntlich am höchsten erachtet.
    Das Judentum wäre nicht das Judentum, wenn es sich nicht ändern würde, Gesetze überprüfen und notfalls anpassen könnte.

    Für mich persönlich steht eben der Erhalt des Lebens, das wirklich leben kann viel höher als ein mögliches Dahinvegitieren ohne mein Selbst.

  3. Ich habe mich trotz der Halalcha auch für Organspende entschieden, aber ich spende nicht alle, sondern nur ausgewählte. Ich möchte nicht völlig "ausgehöhlt" werden, z.B. spende ich meine Augen (Hornhaut) nicht. Einfach weil es mir kein gutes Gefühl gibt. Aber entscheiden muss wirklich jeder für sich. Ich hoffe, es wird bald mal halachisch eindeutig entschieden, denn es betrifft ein Problem, dass sehr viele angeht.
    Mein herzliches Beleid für den Verlust deines Freundes Luc.

  4. Danke, Yael.

  5. Noa Noa

    http://noa50.blogspot.com/2009/06/hods-organspende-im-einklang-mit-der.html

    lies dies mal. Es gibt auf der Seite von HODS genug Rabbiner, hier aus Israel, die ich kenne, die das befürworten. Leben geben ist eben – so sind viele Meinungen, auch von Rabbinern – das Höchste und Beste, was man tun kann. Daher sehe ich das ganz klar und kenne kaum Rabbiner, die das anders sehen.
    Noa

  6. Karl Karl

    "Ich bin Motorrad gefahren"

    Macht dich extrem sympathisch:-)

    Organe werden ja nicht entnommen, wenn der Mensch schon ein paar Tage tot ist. Der Hirntod muß festgestellt werden und dann die Funktionen des Organismus aufrechterhalten werden. Alle Empfindungen werden sicherlich NICHT nur durchs Gehirn gesteuert.
    Warum werden in Deutschland diese "Toten" narkotisiert, wenn sie ja doch eh schon tot sind? So ganz scheinen die Gelehrten, Gott sei dank, noch nicht alles durchschaut zu haben.
    Für mich selbst könnte ich eine Entscheidung treffen, aber für meine Familienangehörigen – niemals.

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