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Wortbelehrungen

Momentan geht es mir mal wieder sehr auf die Nerven, wie empfindlich so mancher ist, wenn es um den alltäglichen Sprachgebrauch geht. Ich weiß, wenn man sich z.B. nur in bestimmten Kreisen bewegt wie Historiker, Gemeinden oder Kirchen, ist man etwas aufmerksamer in der Wortwahl – oder man sollte es zumindest sein. Und ich weiß selbst, wie ich aufhorche, wenn jemand Worte nutzt, die eindeutig aus dem Nazisprachgebrauch stammen.

Ich muss mich selbst dann aber auch wieder zurückrufen, wenn Empörung aufsteigt. Denn machen wir uns nichts vor, die wenigsten Menschen haben die LTI gelesen. Die wenigsten kümmern sich überhaupt darum, woher Worte kommen, was sie bedeuten oder bedeutet haben. Sicher sollte man bei verharmlosenden Worten, schon mal anmerken, dass das nicht so ganz die korrekte Wahl ist. Aber das geht auch freundlich und bitte, ohne den pädagogischen Finger. Meine Güte, kein Wunder, dass viele Menschen so verstört sind. Man will ja bloß nichts Falsches sagen und ja, zum Glück (?) gibt es ja genügend Menschen, die sich dazu berufen sehen, alles und jeden zu belehren. Sei es eben wegen Worten, sei es wegen Blicke, Kleidung und was weiß ich. Menschen, die meinen, sie hätten ein Vorrecht, zu bestimmen, was angemessen ist und was nicht. Es widert mich an. Und manchmal kann ich mich dann nicht mehr zusammenreißen, und sage, wessen Mutters Kind ich bin und dann seltsam, ist alles plötzlich angemessen… Solange es noch genügend Menschen gibt, die sich nicht entspannen können, solange werden wir immer noch mit Scheu zu kämpfen haben. Und Scheu, mir persönlich gegenüber, finde ich wesentlich verstörender, als wenn jemand „Kristallnacht“ statt „Pogromnacht“ sagt, wenn jemand die Eröffnung einer Ausstellung zum Thema Lagerbordelle feiert, dann wird auch dort gefeiert, es gibt Wein und Gebäck…aber man darf es nicht feiern nennen. Irgendwie wird schon jemand den Zeigefinger erheben und sagen: „Das ist nicht angemessen!“, worauf er einen weiteren Schluck Wein trinkt.


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