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Missionierung

Der schreckliche Mord an den zehn Mitgliedern des International Assistant Mission in Afghanistan, wurde als „Grund“ angegeben, die Mitglieder hätten missioniert. Die IAM nimmt dazu auch Stellung. Und ich bin überzeugt, das diese Menschen ihre Arbeit taten, weil sie helfen wollten, und nicht, schnelle Taufen durchzuführen. Das dies ein Vorwurf ist, der nicht haltbar ist, war mich gleich klar. Dennoch hat er mich doch noch einmal nachdenken lassen über das System der Missionierung. Für Juden ist das nicht nur ein merkwürdiges Ansinnen, es ist auch nicht nachvollziehbar. Wer die Versuche von gutmeinenden Menschen erleben durfte, reagiert anfänglich noch amüsiert auf lange Sicht aber genervt.
Ich möchte die Gelegenheit einfach noch einmal nutzen, zu schildern, warum wir reagieren, wie wir reagieren.
Zunächst ist es für Juden nicht nachvollziehbar, jemanden zu einem Glauben überreden zu wollen. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass diese Menschen sehr von ihrem Glauben überzeugt sind, begeistert vermutlich und oft auch glauben, es würde ihnen selbst helfen, wenn sie möglichst viele Köpfe ins Taufwasser halten können. Juden aber ist Mission verboten. Wenn jemand übertreten will, soll er das aus freien Stücken und ehrlichem Glauben tun. Nicht, weil ihm etwas versprochen wird (und sei es nur der Himmel). Es sind also zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansichten. Man soll sich gegenseitig respektieren und anerkennen. Denn letztlich hat jede Religion auch das Ziel, eine friedliche Welt herbeizuführen – nur auf unterschiedlichen und oft auch fragwürdigen Wegen.

Für mich persönlich habe ich oft den Eindruck, dass Menschen, die meinen, mich unbedingt vom Christentum überzeugen zu müssen und ein nein danke nicht akzeptieren können, oft selbst nicht unbedingt überzeugt sind, von dem, was sie da glauben (möchten). Sie brauchen die Bestätigung, dass das, was sie sich da ausgesucht haben, wirklich gut ist. Die Bestätigung wird umso fester, je mehr Menschen sich durch ihre Anwerbung taufen lassen. Ein sehr zweifelhaftes Unterfangen. Als Jude kann ich nicht verstehen, warum man mir seine religiöse Meinung aufdrängen will. Denn mir ist es letztlich untersagt, sowas zu tun. Wenn jemand Interesse hat und fragt, antworte ich gern und darf das auch. Aber von mir aus ist es nicht erlaubt. Und ich fühle mich auch hochgradig unwohl dabei. Ich kann wunderbar ins schwärmen geraten und bin auch überzeugt von meinem Weg. Aber es ist eben MEIN Weg. Und überzeugt davon, dass jeder seinen Weg selbst finden muss – ohne willentliche Beeinflussung von außen.

Den Opfern des gedankenlosen Mordes gelten meine Gedanken. Ich hoffe, dass ihre Angehörigen die Kraft finden, den Verlust zu verschmerzen. Und ich hoffe, dass all die Menschen, die jetzt keine Hilfe mehr erfahren können, da ihre Helfer ermordet wurden, nicht leiden müssen, dass sie bald wieder Hilfe erhalten können durch die IAM. Es gibt noch mehr Opfer als die, die sterben mussten und es ist so schrecklich überflüssig.

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