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Betroffenheiten…

…es ist seltsam. Momentan scheint mal wieder zu eine Betroffenheitszeit zu sein. Oder vielleicht habe ich es auch zu lange nicht gemerkt – fernab von den üblichen Punkten, an denen Menschen meinen, ihre tiefe Betroffenheit (fühlt man sich dann besser?) Ausdruck zu verleihen.

Zur Schilderung, zugegeben überspitzt, aber alles selbst irgendwie ma erlebt – und nicht nur einmal:

  • Mensch deutscher Nationalität kommt in, sagen wir Gedenkstätte, und macht auch das wie immer sehr gründlich: gedenken. Da niemand so richtig gelernt hat, was gedenken eigentlich sein soll, äußert sich das in verschiedenen Formen. Meist, wird mit Betreten des Ortes, das Gesicht von eben noch offen und fröhlich auf tieftraurig umgestellt, Mundwinkel gehen nach unten, Augen wie kurz vorm Tränenausbruch. Und dann, damit das Ganze auch wirklich Wirkung hat, bitte noch die Betroffenheit an den Mitarbeitern auslassen, die das bestimmt noch nieeeeee gehört haben: „Schreckliche Zeiten waren das.“, „Wie furchtbar!“, „Das kann man sich gar nicht mehr vorstellen!“ – doch, kann man…sehr gut sogar. Sollte der Mitarbeiter es wagen, freundlich zu lächeln, große Irritation. Das geht doch nicht, an so einem Ort. Der Mitarbeiter aber, ist vermutlich fast täglich da und mindestens so oft, darf er sich Geschichten anhören, wie Gewissen rein gewaschen werden sollen – nur, das kann man nicht. Und ehrlich, warum auch? Das Durchschnittsalter dieser per se Betroffenen ist um die 50, also de facto komplett unbeteiligt….Aber wenn es hilft. Also einmal ein Lob an die Menschen, die an diesen Orten arbeiten und das und noch viel viel mehr erleben dürfen.
  • Mensch israelischer Nationalität kommt in Gedenkstätte zum Thema Judenverfolgung. Tritt sehr selbstbewusst auf, schließlich wurde das ja für ihn, und nur für ihn gebaut. Und entsprechend möchte man behandelt werden. Wagt der Mitarbeiter es aber, ihn an die Hausregeln zu erinnern und bittet z.B. das Blitzen mit dem Blitzlicht zu unterlassen, oder vielleicht das Picnic nicht unbedingt auf den Vitrinen auszubreiten ist der Mitarbeiter ein zwei flux ein Nazi. So schnell kann das gehen und man weiß gar nicht wie. Als deutscher Jude ist man davor übrigens auch nicht gefeit, schließlich wohnt man ja hier, also kann irgendwas nicht stimmen.
  • Mensch spanischer oder auch italienischer Nationalität…kommt rein, steht am Titel und fragt irgendwas. Sollte man des spanischen nicht mächtig sein, so Griff zur Zeichensprache. Audioguide? Dann irgendwie die Frage, worum es geht…Versuch der Erklärung, deutliches Desinteresse, aber juchu, man kann es im Reiseführer abhaken. Schnell werden in ca 100 Reiseführern die Haken gemacht. Denn dieser Reisende tritt selten in Kleingruppen auf.
  • Mensch niederländischer Nationalität kommt in die Gedenkstätte, zunächst freundlich und interessiert…der Mitarbeiter ist froh, kein Lärmen, kein Beichtstuhl…einfach nur ein angenehmer Gast. Bis der Mensch aber meint, er muss doch was los werden. Und so geht es in umgekehrter Richtung zum Menschen deutscher Nation. Man erfährt, dass alle Niederländer einen Juden gerettet haben (ja, die Deutschen haben das auch gemacht, ich weiß ja)….wenn man dann aber fragt, warum dann derartig viele niederländischer Juden umkamen: Ratlosigkeit. Könnte es vielleicht daran liegen, dass es zuviele Landsleute gab, die auch auf Haus und Hof spekulierten und die Eigentümer dann gern an das Sonderkommando verrieten. Die Mitarbeiter dort waren recht eifrig, denn so gab es nicht nur was aus dem Besitzstand abzuzweigen, sondern auch 7,50 Gulden pro jüdischer Nase abgeliefert in der Hollandsche Schouwburg. Darüber wird nicht gern gesprochen, und gelernt erst recht nicht.
  • Mensch US-amerikanischer Nationalität kommt in die Gedenkstätte, ist frei und unbelastet und hält entweder einen Vortrag darüber, wie man Deutschland befreit habe und die Welt sowieso. Warum man aber nicht früher befreite und nicht einschritt, als die KZ bekannt wurden, warum die Flüchtlinge nicht vorbehaltlos aufgenommen wurden kann nicht beantwortet werden. Sollte der Mensch amerikanischer Jude sein, tritt Betroffenheit ein, aber nicht wie beim Deutschen, ober das Geschehene, sonder vielmehr über uns arme deutsche Juden, die hier leben müssen. Ja, wir müssen, denn freiwillig geht das ja nicht.
  • Mensch indischer Nationalität kommt rein, ist verwirrt und versucht zu verstehen, warum wir keine Hitlerdenkmäler mehr haben, warum wir das verdammen. Wie gesagt, er versucht, zu verstehen – kann es aber kaum.

Und übrigens, die Mitarbeiter leben kein betroffenes trauriges Leben. Im Gegenteil, sie brauchen einen Ausgleich. Denn das, was dort bei ihnen täglich abgeladen wird, kann nicht jeder tragen und ertragen. Daher nochmals an alle, die in Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Archiven etc. arbeiten und mit dem Thema Nationalsozialismus zu tun haben, danke für Eure Arbeit. Wir wissen ja, dass wir auch ein Leben nach der Arbeit haben – und das ist nicht betroffen per se. Nur wesentlich aufmerksamer und vielleicht auch empfindsamer für die alltäglichen Stimmungen….

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