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Feststellung

Wenn ich um mich blicke und vor allem höre, stelle ich fest, dass immer mehr Menschen geradezu besessen davon sind, ihr Glück zu finden. Daran ist nichts schlimmes zu finden. Doch die Wege, die sie beschreiten, sind etwas – sagen wir merkwürdig. Oder aber sie sehen ihr Glück nicht, begeben sich nicht auf den Weg dahin, oder was weiß ich. Es scheint fast so, dass es zum guten Ton gehört NICHT zufrieden zu sein.

Ein paar Beispiele. Fangen wir an mit Typ 1. Typ 1 hat einen sicheren Job, muss sich also nicht mit Geldsorgen, Erholungsmangel oder ähnlichem herumschlagen. Es ist nicht der Typ Mensch, der eine Arbeit ausführt, die ihm widerspricht, die er nicht mag. Es sind gemeinhin Traumjobs. Blind geworden aber, dieses Glück zu haben, wird alles heruntergespielt, gejammert, geschimpft, sich selbst bemitleidend und anderen Menschen mit seinem Unglück in den Ohren liegend. Wenn man fragt, warum denn dann diese Arbeit nicht aufgegeben wird, man seine Erfüllung woanders sucht, wird reagiert, als wäre man doch schließlich gefangen, man KANN doch gar nicht aufhören. Doch, man kann und manchmal ist das der Weg auch zu mehr Zufriedenheit. Oder aber man schätzt einfach das Glück, das man hat und wenn in der Arbeit nicht die Erfüllung liegt, so hat man doch genug Zeit, sich anderen schönen Dingen zuzuwenden.

Typ 2 widerum jammert nicht über sein Unglück, er findet sein Glück darin, nachzuweisen, in wie weit er besser als alle anderen um ihn herum sind. Er ist geradezu davon besessen, dass nur sein Weg der einzig richtige ist und wer davon abweicht ist unfähig, unqualifiziert und sowieso und überhaupt. Typ 2 neigt auch gern in seinen Strategien dazu, zu dem zu führen, was Mobbing ist. Typ 2 ist ein armes Würstchen und wäre eine lächerliche Gestalt, würde es nicht für sein Umfeld zu dramatisch enden können und würde er den anderen nicht so viel Energie kosten würde. Er ist ein widerlicher Typ und sollte sich eher ein Hobby suchen, statt seine Lebensenergie darauf zu konzentrieren, zu zeigen, was für ein toller Typ er ist.

Typ 3 hat vielleicht gar keine Arbeit, jammert sehr darüber herum – tut aber auch nichts, um das zu ändern. Lieblingsthema ist der Neid über Bekannte, die eine Stelle bekamen, obwohl sie es doch gar nicht verdient hätten. Alles dreht sich nur um dieses Unglück, das man erleiden muss, die Welt, die nicht erkennt, dass man doch der einzig wahre Griff ist und alle anderen nichts wert.

Aus allen gibt es natürlich Mischformen. Was aber allen gemein ist: sie sehen ihr Glück nicht, auch, wenn es direkt vor ihrer Nase läge. Sie sehen keine schönen Seiten in ihrem Leben, meinen etwas hinerherjagen zu müssen, was sie gar nicht benennen können, was so abstrakt ist, dass sie nicht wissen, was es ist. Sie suchen es im Materiellen, im immer besser als Andere oder aber immer schlechter als andere. Die Medien und inzwischen auch die Erziehung gaukeln vor, dass man mit dem und dem das wahre Glück finden kann. Sei es nun ein paar Schuhe, das neueste technische Gimmick oder aber ein bestimmter Kontostand.

Glück aber kann man letztlich nur in sich selbst finden. Dinge von außen sind es nicht. Sie könne unterstützen, wie wenn man auf einem Segelboot die salzige Luft des Meers spüren kann. Aber muss das Boot denn wirklich im Besitz sein?

Ich bin überzeugt, etwas Bescheidenheit, etwas Glück und Schönheit im Alltäglichen zu finden, kann die Welt heilen. Einfach nicht immer nur mehr mehr mehr, sondern einfach nur: ach wie schön. Augen zu und den Vögeln lauschen, Sand unter den Füßen. Die Menschen leben nur noch um Dingen hinterherzurennen, sie leben nicht mehr um des Lebens willen. Aber ist es nicht so, dass wir das sollen? Das Leben, das hiesige auf dieser Welt, zum Paradies machen? Ich komme wieder auf Tikkun Olam und irgendwie auch auf Lashon HaRa zurück. Und da diese Konzepte alt sind, wissen wir auch, dass sich die Menschen nicht änderten. Dennoch hoffe ich, dass es hier und da noch Menschen gibt, die den Broterwerb trotz des hohen Zeitaufwands nicht als Zentrum ihres Lebens betrachten, die wissen, dass das Glück für jeden ein anderes ist, dass es aber da ist und manchmal viel kleiner ist, als man denkt – dennoch aber vielleicht viel schöner. Nicht umsonst, sind die glücklicheren Menschen offensichtlich nicht die in reichen Ländern, sondern jene, die wenig materielle Güter haben. Weniger ist manchmal mehr.

In diesem Sinne, einfach dankbar sein für das Leben! Shabbat shalom.

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