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Rechtfertigungen

Eigentlich wollte ich schreiben, dass ich etwas zur Ruhe kam. Nun war heute wieder mein erster Arbeitstag und ich bin fast froh, dass es wohl das letzte Wochenende in diesem Job sein wird. Ich habe ihn gern gemacht, er hat mich gerettet, aufrecht erhalten und der Kontakt zu so vielen (sehr unterschiedlichen) Menschen ist oft erfrischend, spannend, oft aber auch einfach nur nervtötend, frustrierend und nicht sehr ermutigend.

Heute war wohl mal wieder so ein Tag. Ein Tag der Rechtfertigung. Ich bin es so unendlich müde, mich verteidigen zu müssen, dass ich als Jude hier in diesem Land lebe, dass ich eben nicht meine Sachen packe und nach Israel gehe, „wohin ich gehöre“. Ja, wenn man so manchen Blogger im Netz liest, der überzeugt ist, dass man als Jude nur in Israel leben kann und dann dennoch in Deutschland lebt, dann mag man überzeugt sein. Die Argumentation klingt zunächst schlüssig – aber eben auch hochgradig einseitig. Es ist eine Meinung. So wie es eben einfach meine Meinung ist, dass ich meinen Lebensmittelpunkt nicht von meiner Religion oder meinethalben auch der Religion meiner Ahnen festlegen lassen möchte.

Ich weiß, dass ich mich wiederhole. Aber es ist nun einmal so. Ich fühle mich wohl in Deutschland, ich bin glücklich hier. Ich bin verwurzelt in diesem Land, in dem ich aufwuchs, in dem meine Geschichte liegt. Ich habe keine Geschichte in anderen Ländern, ich weiß nichts davon. Vielleicht ist es auch gerade diese fehlende Verwurzelung meinerseits, die fehlende bewusste Geschichte meiner Familie, die mich ein Aufzwingen einer Heimat verweigern lässt, die mir keine Heimat ist. Ich bin hier geboren, in einem Land, dass es (glücklicherweise) seit 20 Jahren nicht mehr gibt, einem Land, in dem es keine Rolle spielte, was die Geschichte meiner Familie war… in dem ich aber dennoch eine Kindheit hatte, die mich geprägt hat und das mehr mein Leben heute bestimmt alles alles andere sonst.

Und heute, heute wieder das alte Lied: „Wie können Sie nur als Jüdin in Deutschland leben?“ Ganz einfach: es ist meine Heimat! Deshalb lebe ich hier. Ich liebe meine Stadt. Ich habe keine Sehnsucht (mehr) in einem anderen Land zu leben. Und ich hatte diese Sehnsucht nie nach einem kleinen Land im Nahen Osten. Ich finde es schön, wenn andere dort ihre Heimat finden, glücklich werden, so wie ich es für jeden schön finde, wenn er seine Heimat findet – egal wo sie ist. Aber ich finde es doch sehr seltsam, wenn Menschen von mir regelrecht verlangen, mein zuhause zu verlassen, weil ich nicht an Jesus glaube, weil meine Ahnen verfolgt wurden, weil sie anders waren…ja, auch ich bin anders…aber sind wir das nicht alle? Ist es nicht seltsam, dass dieser Umzug von mir verlangt wird von Menschen, die hier nicht leben. Ist das eine neue Vertreibung? Ja, nicht erzwungen. Das mag sein. Aber mich unentwegt verteidigen zu müssen: ich bin es leid. Wenn ich eine Sehnsucht hätte nach dem kleinen Land dort im Südosten, ich wäre dort. Ich aber fühle mich hier wohl. Ich weiß nicht viel über meine Ahnen. Weiß gerade so, wie viele ermordet wurden, verschwanden…ich weiß aber keine Namen, keine Orte…mir fehlt ein Teil meiner eigenen Geschichte, die für andere so selbstverständlich ist. Aber mein Leben im Moment findet in diesem Land statt und ich denke, so wird es auch die nächsten Jahre bleiben. Ich weiß nicht, wohin mich mein Weg bringen wird…vielleicht führt er irgendwann auch nach Israel. Was weiß denn ich. Es kann aber genausogut Japan, Urugay, Kenia sein…ich weiß es nicht. Ich lasse mir mein Leben nicht von anderen diktieren, nicht von meiner Religion, in der ich wohl verwurzelt – aber nicht gefangen bin.

Man muss immer auch andere Welten sehen, andere Dinge erfahren und vor allem muss man auch andere Seiten sehen und die eigene verlassen….

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5 Comments

  1. Schoschana Schoschana

    es muss dich doch nicht aus dem gleis bringen, was andere denken, was gut für dich wäre… was auch immer es ist: nur du selbst weisst doch, was am besten für dich ist. ob das nun dein wohnort oder deine haarfarbe ist. vor allem, wenn die tips von menschen kommen, die dich gar nicht kennen, wie ich deinem posting entnehme (der ratschlag kam auf der arbeit, oder?).
    es gibt eben immer menschen, die relativ distanzlos sind, unüberlegt und unreflektiert. damit muss man leben. lach' dir n' ast und setz' dir druff und baumle mit die beene! 😉

  2. Ja, ick baumle wieder mit de Beene… es musste nur mal raus… 😉

    Danke Dir!

  3. Noa Noa

    Ist schon lustig (oder auch traurig) dass ICH mich eher dafuer rechtfertigen musste, was mich denn um G-ttes Willen nach Israel treibt, ich, die ich eine geregelte Arbeit bis ans Lebensende "geniessen koennte", eine relativ sichere Rente zu erwarten haette, wo man dann doch auch noch "reisen" kann… wie kann ich nur alles aufgeben, um in ein so unsicheres, ja gefaehrliches Land zu ziehen…. wo ich nicht mal "richtige" Juedin bin.
    Verrueckt.
    Noa

  4. Na, irgendwie scheinen wir es ja niemandem recht zu machen, was? Aber wie Schoschana schon so schön sagte…druff jepfiffen. Wir gehen dahin, wo wir zuhause sind. Fertig aus.

  5. Schoschana Schoschana

    übrigens wird den israelis, die in berlin sich in die nähe der gemeinde wagen, oft die vorwurfsvolle frage gestellt wird, was um himmels willen sie denn "hier" machen würden. also dass man niemals und überhaupt…
    das thema ist – vornehm ausgedrückt – ganz schön vielfältig! 😉

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