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Kirchenklage

Ich verstehe die Welt nicht. Da klagen die Kirchen wegen der vier Sonntage geöffneter Geschäfte in Berlin. Verfassungswidrig wird gesagt. Ab nächstem Jahr sei Schluss damit.

Hmm, mal ganz provokant gefragt. Es wird begründet, dass damit die Religionsfreiheit der Kirchen (bzw. Christen) eingeschränkt sei. Aber was ist mit jüdischer Religionsfreiheit, mit muslimischer? Wir haben andere Tage. Warum wird nicht am Freitag, am Schabbat alles geschlossen? Ich kann nicht religiös leben, da ich ja am Schabbat „gezwungen“ werde einzukaufen.

Sicher ist das überspitzt formuliert. Aber sehen wir es doch mal so. Wenn ich religiös bin, dann nutze ich das Angebot nicht und halte meinen Ruhetag, wann immer der auch ist. Und sich mit dem „Schutz der Familie“ herauszureden finde ich mehr als albern. Wie viele Menschen arbeiten jeden Tag? Kennen keine Wochenenden, keine freien Abende, keinen Urlaub? Arbeiten 300 Stunden im Monat (!), um einigermaßen über die Runden zu kommen? Sind das nicht wichtigere Punkte? Sollte man sich nicht eher um Mindestlöhne und Maximalstunden kümmern, als einen Ruhetag aufzuzwingen, gerade in einer Stadt, in dem das eh kaum eine Rolle spielt?

Verkehrte Welt.

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8 Comments

  1. Schoschana Schoschana

    das hat eher damit zu tun, dass es dann eben auch sonntags für angestellte verpflichtend sein kann zu arbeiten – anstatt mit der familie in den tierpark zu gehen als mit der (freiwilligen) entscheidung "geh' ich jetzt shoppen oder nicht".

  2. Ich verstehe den einfachen Sinn hinter dem Gedanken, finde aber, dass ein Großteil der Bevölkerung heutzutage ausgenommen wird. Da gibt es keine Wochenenden, Feiertage im eigentlichen Sinne. Man hat vielleicht einen Tag die Woche frei und muss sich noch dafür bedanken. Einfach mal ausrechnen, wieviele Tage ein Sicherheitsmitarbeiter für 300 Stunden im Monat arbeiten muss z.B.

  3. Shabbes-Goi Shabbes-Goi

    Das sind doch die ewig gestrigen, die da mal wieder räsonieren. Mit Religionsfreiheit hat das nicht im Geringsten zu tun. Sinnvoll wäre es tatsächlich, jeden in den Genuß zu versetzen, dass er über soviel Grundeinkommen verfügt, dass er sich seinen freien Tag in der Woche selbsständig auswählen kann. Dass Sonntags hier alles immer noch scheintotsein muß, weil die Kirche hier mal eine politische Macht war, ist doch absoluter Schmonzes. Religionsfreiheit hieße für mich, freie Wahl des freien Wochentages.

  4. Schoschana Schoschana

    denn tag frei wählen…

    das wäre schön. ob es aber sinnvoll wäre? das erfordert in manchen betrieben eine ungemeine logistik. in schulen könnte es gar nicht klappen. jüdische lehrer müssen an ihren freien tagen (auf die feiertage haben sie anspruch) immer durch kollegen vertreten werden. das kann mitunter viel sein, z.b. wenn man den ganzen tag verschiedene klassen hat und die chagim auf 2 wochentagen liegen… am anfang und am ende, wohlgemerkt, macht dann 4. das geht, aber auch nur solange, wie du nicht mehrer jüdisch-observante lehrer an der schule hast. muslimische lehrer würden vielleicht jeden freitag dann frei haben wollen. wie und wann können diese tage nachgeholt werden?

    "Ich verstehe den einfachen Sinn hinter dem Gedanken, finde aber, dass ein Großteil der Bevölkerung heutzutage ausgenommen wird"

    juna – wir und auch die muslime, sind immer noch eine kleine minderheit in diesem land ;).
    die meisten menschen sind christlich sozialisiert (vielleicht nicht unbedingt praktizierend, aber an ihre feiertage gewöhnt).

    sinnvoll wäre wohl am ehesten, selbständigen zu ermöglichen, zu schliessen und zu öffnen, wann sie wollen. ist ja partiell auch schon möglich. sieht man in berlin bei kleinen gemüseläden und delis – ist aber vermutlich nicht billig, eine solche sonderlizenz zu bekommen…

  5. Aber darum geht es doch mit den Ladenöffnungszeiten. Mit dem neuen Gesetz ist Berlin an mehr geschlossene Sonntage gebunden, als es vorher war. Seitdem versuchte man, dies zu umgehen – wie soll man auch erklären, dass eine europäische Hauptstadt quasi lahmgelegt ist am Sonntag (außer an Bahnhöfen, da gibt es Ausnahmen) und nur bestimmte Geschäfte dürfen öffnen – manch einer riskiert einfach eine Verwarnung.
    Dass die Regel für "normale" Bürohengste der Sonntag sein soll – bitte, ich habe kein Problem damit. Aber machen wir doch mal die Augen auf: Medizin, öffentlicher Verkehr, Wachschutz, Bäcker, Fabriken, Museen…all diese Menschen fragt niemand nach Sonntag o.ä., da klagt niemand. Es ist einfach selbstverstänlich, dass die Menschen arbeiten.
    Für mich bleibt es einfach scheinheilig, Geld dafür zu verschwenden, ob Geschäfte am Sonntag nun geöffnet haben dürfen oder nicht. Es soll jeder selbst entscheiden können, genauso, wie jeder selbst entscheiden können soll, wann er einkauft. Wenn Sonntag besser passt, dann eben Sonntag.

  6. Schoschana Schoschana

    "Aber machen wir doch mal die Augen auf: Medizin, öffentlicher Verkehr, Wachschutz, Bäcker, Fabriken, Museen…all diese Menschen fragt niemand nach Sonntag o.ä., da klagt niemand. Es ist einfach selbstverstänlich, dass die Menschen arbeiten.
    Für mich bleibt es einfach scheinheilig, Geld dafür zu verschwenden, ob Geschäfte am Sonntag nun geöffnet haben dürfen oder nicht."

    eingeschränkt ist das in israel auch so. mediziner, wachschutz, fabriken… schalten auch am schabbes nicht ab (selbst wenn mancher beschäftigte ein nichtjude sein mag). trotzdem gilt offiziell der schabbes als arbeitsfrei.
    auch heuchelei?

    die frage bleibt, wie damit umzugehen ist, dass grössere firmen ihre angestellten im gegebenen fall dazu zwingen, am sonntag zu arbeiten, wenn die vielleicht lieber den tag mal mit ihren kindern verbringen wollen… wir haben das doch schon an den abendöffnungszeiten so. meinst du, jede verkäuferin ist glücklich darüber?
    es bleibt einfach ein dilemma und die welt ist eben leider nicht immer so gerade…

    gut schabbes, schoschana

  7. Liebe Schoschana,

    ich glaube, Du missverstehst mich. Ich bin nicht gegen einen offiziellen freien Tag in der Woche und es ist mir auch ziemlich schnurz, welcher Tag das ist. Ich finde die Klage an sich Heuchelei, da sie sich nur mit vier Tagen befasst, die innerhalb der erlaubten 10 offenen Sonntage im Jahr liegt. Anstatt sich um wichtigere Dinge zu kümmern, eben die Verpflichtung vieler Arbeitnehmer, an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten, ohne Rücksicht auf Familie und Religion. Ich habe Erfahrungen auch im Einzelhandel und dort wurde stets darauf geachtet, dass an den offenen Sonntagen, an den Abenden etc. nur die arbeiten, die eben keine Familie haben. Wir erhielten unseren freien Tag innerhalb der Woche. Ich fand das ganz ok und habe das auch im Umfeld als Regel erlebt. Genauso selbstverständlich ist es auch für mich, an christlichen Feiertagen zu arbeiten, damit andere frei haben können.
    Man sollte einfach weniger regeln, denn die Dinge können sich auch ganz von allein Regeln – untereinander…oder aber es besteht ein gravierenderes Problem und das ist für mich z.B. die Unterbezahlung und Übersteigung von Arbeitsstunden in manchen Gewerben.

    Herzlich,
    Juna

  8. Schoschana Schoschana

    liebe juna,

    ich glaube, ich verstehe dich schon, aber ich denke eben auch, dass das verzichten auf feste regeln bezüglich der arbeitszeiten einfach auch risikoreich sein kann… nicht jeder ist in der lage dinge "untereinander zu regeln" die sache kann so sehr schwammig werden und mancher boss könnte da einiges ausnutzen. so ist es für den arbeitnehmer einfach besser, es herrschen klare regeln bezüglich der arbeitszeiten.
    was die unterbezahlung und überstunden angeht – ja, ich gebe dir recht, hier gehört ordentlich nachtgearbeitet.

    ebenfalls herzlich,
    schoschana

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