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Vor 20 Jahren

In den letzten Wochen wird verstärkt in den Medien über den Mauerfall, nun doch etwas öfter als friedliche Revolution bezeichnet, berichtet. Letztere Bezeichnung, oder generell Revolution gefällt mir besser. Denn Mauerfall impliziert etwas passives. So als hätte sich die Regierung entschlossen, aus welchen Gründen auch immer, diese Grenze aufzugeben, die Leben kostete, zerstörte, trennte.. doch so war es nicht. Es war ein Kampf, eine Zeit der Unruhe ging voraus…nun kann man nachlesen, was geschah, die Zeitabläufe, die Folgen. Es gibt Bücher, es gibt Filme, Wikis…
Und ich, ich versuche mich zu erinnern. Ich kann keine zeitlichen Zusammenhänge mehr zusammenbekommen. Kann mir aber an die Monate, die dem 9. November 1989 vorausgingen und die die folgten gut erinnern, besser vielleicht als andere meines Alters. Denn ich durfte sie intensiv miterleben. Bin erzogen wurden, die Augen zu öffnen, zu beobachten, aufzusaugen. Nein, ich glaube noch heute, dass niemand wusste, wie alles enden würde.

Ich erinnere mich gut an den Großonkel in Leipzig, der immer zu den Demonstrationen ging, einer der ersten dort war. Er, der auch schon 1953 gegen Missstände auflehnte, er, der immer seinem Gewissen folgte. Und wir in Berlin. Jeden Abend Kerzen im Fenster. Erinnert sich noch jemand? Hier die Straße in der Nähe, Lichterketten, Menschen Hand in Hand, erinnert sich noch jemand? Auch ohne Internet waren die Verabredungen getroffen. Ich erinnere mich an die Mischung von Stille und Unruhe, Hoffnung und Angst. Und jetzt 20 Jahre danach bin ich fast da wieder, wo ich all dies erlebte. Die Schule, von deren Hof wir geradezu flüchteten, als Gorbatschow hier vorbei fuhr. In den Socken versteckt, kleine ungarische Flaggen. Wer sie nicht gut versteckt hatte, mußte sie in der Schule abgeben. Die Herren in den langen Ledermänteln patroullierten auch entlang der Schule. Jeder wußte, wer sie waren. Wir fühlten uns schrecklich erwachsen, aufmüpfung und ahnten da noch nicht, welche Folgen all dies hätte haben können… Auch, daß die Geschehnisse kein Thema in der Schule waren, kann ich mich entsinnen.

Und ich fragte mich immer öfter, ob es nicht doch irgendwann mal möglich sein würde, dass nicht nur die Enten die Panke entlang zum Wedding kommen.

Dieser Tage sehe ich Menschen, die darauf brennen Stadtpläne zu kaufen, die den Grenzverlauf zeigen. Als Berliner etwas unverständlich. Jeden Tag fahre ich ein paar Mal über die ehemalige Grenze. Wie oft wäre ich wohl sonst schon erschossen worden?

Nein, ich gehöre nicht zu den Nostalgikern. Ich bin froh, über das Leben, dass ich jetzt leben darf, die Möglichkeiten, die ich nun haben darf. So schwer das Leben auch manchmal ist, der tägliche Kapf. Aber dennoch, ist es ein Kampf in Freiheit. Wo wäre ich sonst?

20 Jahre, mehr als ein Drittel meines Lebens. Und dennoch erstaunlich, wie geprägt ich durch das andere Drittel bin….

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