Zurück zum Content

Sommerabend

Ich komme aus dem Kino. Ja, ich gehe gern ins Kino und besonders gern allein. In der Abendsonne nach hause geradelt, es ist schön draußen. Und wieder staune ich, wie wenig es doch braucht, Glück zu finden. Dabei fing der Tag alles andere als gut an. Dennoch habe ich meinen Plan für heute durchgezogen, viel gearbeitet und Fortschritte gemacht. Das Kino war dann sozusagen meine kleine Belohnung.

Der Film (Le Code A Changé) hat doch wieder etwas in mir ausgelöst. Nicht nur, daß es ein netter Sommerfilm war. Nein, es ware mehr die Szenen, die nur am Rande wahrnehmbar waren, vielleicht auch nur von denen, die sozusagen darauf geeicht sind. So trägt Dany Boon das kleine rote Band am linken Handgelenk, zum Abendessen wird sich in allen Varianten zugeprostet, auch „Le Chajim“ ist dabei…und nicht zuletzt regt sich eine der Gattinen darüber auf, daß sie die ganzen Bar Mitzwas, Brits zu viel sind und nicht zuletzt, daß ihr unentwegt von der Familie ihres Mannes gezeigt wird, daß sie eben nur ein Goj sei…. Nein, nein…das ist jetzt nicht der ganze Film. Mir geht es darum, daß ich durch solche kleinen Seitenszenen das Gefühl habe, daß es so schön normal sein könnte das Leben. Und ehrlich, normal ist es einfach hier nicht. Im Freundeskreis klar. Man kennt mich lang genug…aber nehmen wir z.B. die Situation neue Leute kennen lernen, ein Abendessen…erklären, was man nicht isst, man lernt einen Mann kennen, wann sagt man „es“?, wie erklärt man, daß man nicht Weihnachten feiert und wie kann man einfach mal nur diesen erschrockenen Blick umgehen, wenn Neubekannte erfahren, daß man Jude ist….
Ich möchte Normalität, möchte am wenigsten eben diese Blicke, die zeigen, wie jemand nachdenkt, wie man nun mit mir umgehen solle, ob man mal was falsches gesagt hat, ob man weiter so entspannt sein kann…. Ja, man kann. Ich bin doch kein Alien, ich habe keine aussätzige Krankheit und ich vermute auch nicht hinter jedem schiefen Blick Antisemitismus. Gerade hier bin ich vielleich auch durch meine Geschichte, durch mein Aufwachsen auf der anderen Seite der Mauer, durch die nicht vorhandene Prägung diesbezüglich unempfindlicher.

Ich will kein Exot sein, bin es doch auch nicht. Eben einfach nur eine Berliner Pflanze. Ich weiß, daß es genug gibt, die ihr Judesein vor sich hertragen, um irgendwelche vermeintlichen Privilegien zu bekommen, um mit dem schlechten Gewissen oder der Unsichereit der Nichtjuden zu spielen…ja, mir ist sowas auch selbst begegnet… und es hat mich angewidert.

Also suche ich weiter mein kleines Glück einfach im Sonnenschein, in den Mauerseglern, in den Blumen auf dem Balkon und hoffe, daß es sich doch irgendwann mal ändern wird…ich bin optimistisch, wenn auch heute etwas ungeduldig und melancholisch.

Blogged with the Flock Browser

6 Comments

  1. Noa Noa

    DA ich im Moment auch gerade etwas – wie soll ich sagen – "melancholisch" – unterwegs bin, trifft mich dein Beitrag mitten ins Herz.
    Ich verstehe!
    Und ich meine, sagen zu können, dass das Problem, nicht mehr ein Exot sein zu wollen, dazu geführt hat, dass ich nach Israel will.
    Dort braucht es keine Worte, nach einem Attentat (nur um ein Beispiel zu nennen) es reicht, dass man weiss, dass jeder um einen herum genau das gleiche fühlt und denkt.
    oder eben die Wochenaufteilung. Shabbat ist normal, und eben nicht der Sonntag.
    Koshere Geschäfte sind normal, nicht das Suchen danach.
    So habe ich im moment das Gefühl, es wird Zeit, dass ich endlich "weg komme".
    Ich weiss, dass Du das anders siehst, und Berlin liebst…
    und dennoch ist es das, was dein Beitrag in mir auslöst.
    Noa

  2. Liebe Noa,

    dieses Gefühl, nach Israel zu wollen hatte ich doch auch schon. Aber es ist eben nicht das Land, nach dem ich mich eigentlich sehne…Berlin kommt dem noch am nächsten…das, was ich suche gibt es wahrscheinlich gar nicht. Wenn ich aber gehe, dann ich auch nichts verändern – und daher bleibe ich.
    Komisch, in anderem Zusammenhang wurde das zuhause vor 20 Jahren auch gesagt…

    Und Du, Kopf hoch, die Papiere sind bestimmt ganz bald da!!

  3. Anonym Anonym

    "Ich weiß, daß es genug gibt, die ihr Judesein vor sich hertragen"

    Hm. Brauchst Du, um eine Berliner Pflanze sein zu können, diese Unterstellung? Denn primär ist es eine Unterstellung, "genug" Leuten nachzusagen, sie würden ihr Judentum "vor sich hertragen", um "vermeintliche Privilegien zu bekommen", um mit dem "schlechten Gewissen und der Unsicherheit der Nichtjuden zu spielen" …
    Findest Du das nicht etwas sehr starken Tobak?

  4. Liebe/r Anonym,

    ich unterstelle nicht, ich habe (leider) die Erfahrung gemacht. Und die Berliner Pflanze bin ich so oder so, auch, ohne diese Menschen kennen zu dürfen. Wenn mir z.B. jemand, der versucht mir etwas zu verkaufen, sagt: "Jetzt doch mal ehrlich, wir müssen ins Geschäft kommen, allein schon um's den Goys zu zeigen. Mit denen kann man doch eh machen, was man will. Die machen doch gleich alles, wenn man sagt, daß man Jude ist. Allein schon weil sie ein schlechtes Gewissen haben und das muss man nutzen….". DAS finde ich starken Tobak. Denn mir ist es nun mal sowas von egal, an was jemand glaubt. Wenn das Produkt gut ist, dann kaufe ich es und nicht, weil wir beide Juden sind.

  5. Anonym Anonym

    Ich wage zu behaupten, daß das eben eine Person war, die das gesagt hatte. Bestimmt hat Dir nicht das ganze Jahr hindurch jeden Tag ein Jude Ähnliches zu Geschmack gebracht. Ich störe mich an dem Wort "genug", welches impliziert, daß eine größere Mehrheit an Juden ein derartiges Verhalten an den Tag legt. Und das glaube ich nicht. Ich bewege mich schließlich auch unter Juden, wenngleich sicher nicht unter den gleichen wie Du. Daß dennoch solche kollossalen Unterschiede bestehen sollen zwischen Deinen und meinen, kann ja wohl nicht sein…
    Einzelne schwarze Schafe gibt es natürlich immer, warum sollten wir uns da von anderen unterscheiden?

    Zom kal.

  6. Ich denke, daß die Interpretation meines "genug" durch Dein: "Mehrheit" eben Deine ganz persönliche ist. Die meine ist es nicht. Mir sind die, denen ich begegnen muß (und das sind mehr als ich mit meinen zehn Fingern abzählen kann) genug. Daß Du daraus eine Mehrheit machst ist wohl das Mißverständnis, daß hier vorliegt….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

4 + 7 =