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Ein (halbes) Land feiert — oder so

Jeden Tag fahre ich einmal durch die Stadt. Sehe viele Dinge, Dinge die mich erfreuen, die mich ärgern, nachdenken lassen…Ohne dieses Fahren würde ich vermutlich viel in der Stadt gar nicht bemerken. So z.B., daß seit einiger Zeit das Brandenburger Tor gesperrt ist. Da davor eh schon ewig eine Baustelle campiert, kann man nicht alles so sehen, wenn man auf der Wilhelmstrasse ist. Also: etwas langsamer radeln. Aufgebaut scheint eine Bühne auf der Seite des Tiergartens zu sein. Spätestens seit der Weltmeisterschaft hatt man den Sinn dieser großen Strasse erkannt. Schließlich hört sie ja vor dem Tor für den normalen Verkehr auf und wird daher nicht sonderlich frequentiert. So, also was gibt es denn wieder zu feiern?

Ah, kuck an. Wir feiern 60 Jahre Bundesrepublik. Schau an! Interessant. Hmm. Gedanken beschleichen mich, seltsame Gedanken…irgendwie feiert das doch nur ein halbes Land, oder? Gut, die größere Hälfte, aber immerhin? Gibt es da wirklich etwas zu feiern? Ist es zu feiern? Ja, gleichzeitig stehen in der Stadt einige Ausstellungen zum Mauerfall. Ich frage mich nun schon vorsorglich, ob dem auch eine solch große Feier gewidmet wird. Ist das, was da vor 20 Jahren geschehen ist nicht viel wichtiger? Wichtiger für ein Land, indem ziviler Gehorsam zum Alltag gehören, in einem Land in dem es doch wesentlich ungehöriger ist, daß dort (fast) ein ganzes Teilland eben ungehorsam war, nicht mehr still war, nicht mehr alles mitgemacht hat? Die Erinnerung verblaßt mehr und mehr. Es ist erschütternd, was überhaupt noch erhalten ist in der Erinnerung und es erschüttert mich auch immer wieder, wie wichtig die verschiedenen (Ost-)Biographien noch heute sind. Lerne ich Menschen näher kennen und man unterhält sich irgendwann über die Kindheit, Jugend…stellt fest, wie verschieden sie zum Teil waren, trotzdem es das selbe Land war, so bemerke ich oft genug Distanz. Nein, ich glaube nicht daran, daß man ruhig leben konnte, wenn man nur nicht auffiehl. Ich habe es anders erlebt, ich weiß, daß es nicht so war, daß es an Selbstbetrug grenzt.

Worauf ich hinaus will: es gibt nicht nur noch immer die Grenze zwischen Ost und West, schlimm genug. Es gibt noch immer eine Grenze innerhalb des Ostens….Ich bin dankbar, daß ich diese Zeit damals so bewußt mitmachen durfte und konnte, ich bin dankbar dafür, daß ich mit offenen Augen erzogen wurde. Augen die sahen, auch wenn man nicht sprechen durfte. Das prägt noch heute. Ich vergesse nicht, kann nicht vergessen, weder die Zeit davor noch die während der Revolution.

Ich bin froh, daß das Thema nun etwas mehr thematisiert wird. Ich hoffe, daß mehr Menschen mit offenen Augen sehen und vor allem auch sehen, was dieses kleine Land mit seinen Menschen geschafft hat. Ja, Querulanten gibt es immer, auf allen Seiten. Man stelle sich vor, ein ganzes Volk wandert aus: Neues System, neuer Alltag, neue Gesetze. Der eine schafft es, der andere bleibt auf der Strecke…manch einer wollte nie auswandern…Es ist schwierig und wird weiter schwierig bleiben.

Ich bin froh, daß ich die Mehrheit meiner Lebensjahre im neuen Land verbringen durfte, dankbar für Freiheit, für mein Abitur, die Möglichkeit des Studiums…gehen, wohin ich will, sagen, was ich denke, glauben, woran ich glaube… Dankbar noch immer für dieses Wunder, was damals geschah. Und es war ein Wunder. Wir vergessen es zu oft. Wir standen so knapp vor einer Wiederholung von 1953. So knapp vielleicht vor einem Bürgerkrieg…

Also, gönne ich diesem einem halben Land seine Feier, die jetzt als Grundgesetzfeier benannt wird. Ja, sollen sie feiern. Ich weiß, daß ich in diesem Jahr an einem anderen Tag feiern werde. Still, ohne Brimborium. Einfach nur mit den Menschen, die mir wichtig sind, denen ich nicht erklären muß, warum der 9. November 1989 so viel mehr bedeutet als der spätere 3. Oktober…einfach nur erinnern daran…

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