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Kommunikation

Es ist wieder Reisezeit, die Stadt ist voll mit Touristen, aber das ist sie ja immer. Ich hatte heute eine Begegnung, keine besondere, nichts neues, aber eine, die mich zum Denken anregte…

Schon im Jüdischen Museum haben wir die neuen Kollegen vor diversen Besuchergruppen gewarnt. So auch Israelis. Ja, ich muss leider sagen, gewarnt. Denn für jemanden, der vorher keinen direkten Kontakt hatte, und davon muss man durchschnittlich ausgehen, kann die schroffe Art sehr verstörend wirken. Wenn man es dann weiß, dass es nicht persönlich gemeint ist, ist es oft leichter.
Nun, und so eine Begegnung hatte ich heute wieder. Ich weiß, wie ich reagieren muss, ich weiß, dass ich meinen Ton umstellen sollte, ebenso schroff sein. Das ist meist der beste Weg. Aber 1. bin ich dann nicht ich und 2. mag ich nicht so sein. Wenn es nur das wäre… es würde mich nicht so rum treiben. Aber letztlich ist das nur ein Aufhänger, eine Facette, worüber ich schreiben möchte. Es passiert mir oft genug, dass Menschen, die m.E. einfach nur unsicher sind, wie sie sich in Deutschland fühlen, verhalten sollten, unfreundlich, abweisend sind. Ich finde es nicht schön, ich kann einigermaßen damit umgehen. Die Nationalität ist mir egal. Der Umgang ist die Frage. Wie oft wurde nicht nur ich im JMB als Nazi, Deutsche und sonst was beschimpft, nur, weil ich bat, den nassen Mantel abzugeben. Wobei natürlich fraglich ist, in wie weit deutsch ein Schimpfwort sein kann. Es regt mich auf, dieses Totschlagargument zu hören, es tut mir leid für Mitarbeiter (egal wo), die damit nicht so umgehen können, die diese Dinge auf sich beziehen, es persönlich nehmen und es ist einfach nur eines: schlimm! Und wieso bitte, ändern diese Menschen ihr Verhalten sofort, wenn man sagt, dass sie sich im Unrecht befinden, da sie soeben jemand der Gestapo oder sonstigem Verein zugeordnet haben, der historisch betrachtet schon mal viel zu jung ist und dann außerdem als Jude gar nicht aufgenommen worden wäre… schlagartig ändert sich das Verhalten, wird freundlich, zuvorkommend. Was soll das bitte? Bloß weil man Jude ist, ändert es doch nichts an der Person, an der Bitte oder um was es sonst ging.
Andere Geschichte, selber Inhalt. Ich habe ein amerikanisches Paar mit persönlichem Guide ein paar Fragen beantwortet. Das Gespräch war sehr nett, persönlich. Irgendwann sagte ich scherzhaft (ich weiß gar nicht mehr, wozu): „Ja, kein Problem, ich bin ja deutsch“… der Guide schien etwas irritiert und sagte dann: „Ja, aber Sie tragen doch einen Magen David“ (Davidstern). Ja, aber ich sei doch trotzdem Deutsche… Ich sehe keinen Unterschied. Das Judentum ist meine Religion, deutsch meine Nationalität… was ändert meine Religion als an meiner Persönlichkeit? Wieso werde ich anders behandelt, nur weil ich möglicherweise koscher esse? Ich verstehe das nicht. Ja, es gibt auch die umgekehrten Fälle, aber das ist ein Thema für sich.

Um noch mal an den Ausgang zurückzukehren. Ich rege mich heute doch etwas mehr auf, als gedacht. Ich kann verstehen, daß man bei seinem ersten Deutschlandbesuch unsicher ist, besonders, wenn die eigene Familiengeschichte damit verknüpft ist… Aber Unsicherheit heißt nicht unfreundlich sein, heißt nicht persönlich, anmaßend zu werden. Und nein, ich meine keine direkte Art…
Ich will nicht anders behandelt werden weil ich Deutsche, weil ich Jüdin, weil ich Hundebesitzerin, Frau, lila oder sonst was bin. Wieso kann man einfach nicht freundlich miteinander umgehen, unabhängig von irgendwelchen Hintergründen… und wieder schwirrt mir eines im Kopf herum. Ich sollte eine eigene Kategorie aufmachen dafür:

Tikkun Olam.

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5 Comments

  1. Noa Noa

    Hi,
    ich kenne diese Art und ich hasse sie genau wie du.
    Ich bin in erster Linie Mensch. (Habe dazu ein Post veroeffentlicht „Von Mensch zu Mensch“( http://www.noa50.blogspot.com) das sich mehr bezieht auf den Umgang mit Menschen anderer Religionen oder aber auch Menschen die der „bessere Jude“ sein wollen, einfach das Aburteilen von der Art, wie ich lebe.
    Ich haette aber nicht gedacht, dass du das im Museum so oft erlebst.
    Liebe Gruesse und danke fuer dein blog. Freue mich drueber, habe ich heute erst entdeckt.
    Noa

  2. Anonym Anonym

    „Wieso werde ich anders behandelt, nur weil ich möglicherweise koscher esse? „

    Du wirst nicht anders behandelt, weil Du koscher isst. Du wirst anders behandelt, weil Du Jüdin bist, weil es eine Gemeinsamkeit gibt, weil Du sozusagen aus der „Familie“ stammst. Das ist natürlich schon ein Unterschied, als wenn Du eine nichtjüdische Deutsche wärest.
    Vielleicht ist das schwerer anzuerkennen für Leute, die einerseits jüdisch, andererseits nichtjüdisch sind, weil sie einen nichtjüdischen jüdischen Vater haben. Die haben dann beides zu gleichen Teilen – es sei denn, das Jüdische hat – bewusst entschieden – einfach definitiv Vorrang.

  3. Anonym Anonym

    @ Noa

    Daß jeder Mensch ist, ist eine Binse.

    Ich bin zunächst und zuallererst Jude. Ich denke, damit kann ich auch anderen fair begegnen, die zunächst und zuallererst etwas anderes sind – Muslim, Christ, Buddhist, Deutscher, Vietnamese … Ich bewerte damit doch noch gar nichts, außer daß ich mich zu meiner Herkunft und Identität stelle. Damit zeige ich aber auch mein Gesicht, und mein Gegenüber hat ein tatsächlich definiertes Gegenüber.
    Es muß möglich sein, Unterschiede zu leben und auch zu betonen. Es ist eben nicht alles gleich. Das bedeutet aber nicht, daß etwas besser ist als das andere – nur eben anders. Und das ist o.k.
    Natürlich ist jeder auch ein Mensch, aber das ist ein Grundvoraussetzung, die man nicht extra noch betonen muß.

  4. Noa Noa

    Ja, aber diese Grundvoraussetzung meine ich. Denn es scheint so zu sein, dass manche die nicht kennen, wenn sie sie kennen wuerden, wuerden sie mich – und andere – auch wie Menschen behandeln koennen. Nicht umsonst heisst es: Wir sollen wahrhaft Menschen sein, engel hat der liebe G-tt genug.
    Dass ich Jude bin, und mich dadurch unterscheide, ist klar, und dazu kann ich stehen, es schliesst sich nciht aus, wenn ich mich als mensch sehe, dass ich mich sehr wohl von Christen und Moslems und Buddhisten unterscheide.
    Und dann, wenn die Unterschiede auf den tisch kommen, kann ich den anderen weiter wahrhaft menschlich behandeln und mit vor allem mit der Achtung, die ich hoffe jedem Menschen entgegenzubringen (schaffe ich sicher nicht immer, aber es waere mein Ziel)
    Ich weiss nicht ob ich mich richtig ausdruecke…
    Noa

  5. Ja, theoretisch verstehe ich das mit dem Thema Familie, MOT. Verhalten kann sich hier auch ändern, ich nehme mich nicht aus, man hat eine gemeinsame Sprache…dennoch darf man andere Menschen nicht so behandeln. Das ist der Punkt auf den ich kommen wollte.

    Ich bin anders aufgewachsen. Gruppen, so sie sich nach außen schließen sind seltsam für mich. Ich bin immer ein Grenzgänger gewesen, habe immer darüber hinweg gesehen. Sehe auch die andere Seite.

    Vielleicht ist es in meiner Aufregung, in der ich den Beitrag schrieb nicht so klar geworden.

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