Zurück zum Content

Ungeordnete Gedanken

Nichts wollte ich schreiben zum Krieg in Israel/ Gaza. Vor zwei Tagen spätestens ist aber der Konflikt auch in Berlin angekommen. Nein, ich meine nicht die Demonstrationen in verschiedener Art, die friedliche Bekundung der eigenen Meinung.
Vor der Neuen Synagoge in Berlin wurde ein Wachmann angegriffen. Verursacher ein Staatenloser (nach eigenem Bekunden Palästinenser), der mit einer Eisenstange auf den Wachmann losging. Ich bin überzeugt, daß das ein Einzelfall war. Die Tat ist nicht zu rechtfertigen. Die Verzweiflung, die Sprachlosigkeit dieses Mannes muß man nicht verstehen. Aber was passiert hier?
Wieder werden Juden als Vertretung Israels gesehen. Warum ist er nicht zur Israelischen Botschaft gefahren, um seinem Unmut in friedlichem Protest Ausdruck zu verleihen? Warum soll es die Synagoge sein? Warum ein unbeteiligter Wachmann? Nur weil man dort arbeitet, muß man kein Jude, geschweige denn Israeli sein. Wir (Juden) werden gedrängt, Stellung zu beziehen, selbst, wenn wir keine Meinung haben können. In diesem Krieg werde ich dieses Mal verschont, als „Experte“ zu agieren. Warum? Ganz einfach, meine Freunde wissen, daß ich das nicht tun werde. Ich bin nicht befähigt, eine Lösung zu finden in einem Konflikt, den schon wirkliche Experten kaum verstehen. Dieses Verständnis meiner Freunde ist in Jahren entstanden.
Der Übergriff auf den Wachmann spätestens aber hat mir eines wieder vor Augen geführt: Mein privates (religiöses) Leben ist jetzt mit einbezogen worden. Ist es sonst schon schwierig genug, sich als Jude zu bekennen und zu verstehen zu geben, daß man kein Israelischer Politiker ist, so ist es in diesen Zeiten noch schwieriger und ich bekenne mich deutlich weniger. Vor allem aber spüre ich wieder Ängste, mein Leben auch öffentlich zu führen. Ängste, die immer wieder auftauchen und ich doch immer hoffe, sie gehen vorüber, sind irgendwann nicht mehr nötig. Ich will mich nicht beeinflussen lassen und tue es auch nach außen nicht. Innen drin, aber ist Angst dort. So schaut man sich vor und nach dem G’ttesdienst doch mehrfach um. Ist es jemandem schon beim Kirchgang so gegangen?
Für mein Gegenstück sind diese Ängste neu, unbekannt und jetzt auch vorhanden – und sei es nur, ob ich wieder gesund aus der Synagoge wiederkomme. Etwas, das immer so weit weg war, wieder dieser Krieg, diese Kriege, ist jetzt im Haus vorhanden – auch mit der Angst um die Freunde dort.

Blogged with the Flock Browser

1 kommentar

  1. Karl Karl

    Das sind die Auswirkungen unserer ach so aufgeklärten Welt. Jeder weiß alles und weiß doch nichts.
    Es ist schon traurig genug, daß Gotteshäuser bewacht werden müssen.
    Ich war in den siebzigern (ja, ist schon etas her) Schüler eines Gymnasiums im Rheinland. In unserer Klasse waren Schüler/innen verschiedener Glaubensrichtungen vertreten. Eine Schülerin wurde uns so vorgestellt: „das ist eure neue Mitschülerin, die….., sie kommt aus Lybien“.
    Damit war die Vorstellung beendet.
    Was ich sagen will: es ist nicht immer gut, wenn restlos alles hinterfragt, erklärt und gerechtfertigt werden muß-man wird dadurch nicht unbedingt schlauer als vorher;-)
    Warum interessiert man sich heute mehr für den „Hintergrund“ als für den Menschen selbst? Warum müssen z.B. Religionen so hoch gespielt werden (wobei die wenigsten ihre Glaubensrichtung selbst gewählt haben; sie ist vielmehr Teil der Erziehung). Erst wenn „Achtung“ vor dem Anderen wieder irgendwann wichtig wird, werden wir wahrscheinlich auch keine Wachposten vor Gotteshäusern brauchen oder ängstlich beim Besuch einer Kirche links und rechts schauen müssen, ob uns irgendein „Durchgeknallter“ ans Leder will.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

siebzehn + vier =