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Damals

Wie ich schon im letzten Beitrag geschrieben hatte, bin ich quasi zurückgekehrt, dorthin, wo ich aufwuchs und wo ich (eigentlich) jede Ecke kenne. Dazwischen lagen 15 Jahre am Stadtrand und in den USA.

Nicht nur Gutes verbindet mich mit meiner Kindheit und Orten hier. Glücklicherweise kommt man aber über vieles hinweg, man übersteht es eben….

Antisemitismus hatte ich, bis ich damals im Museum arbeitete, nie erlebt. Vielleicht reagiere ich dadurch weniger empfindlich? Ich weiß es nicht. Was ich erlebte, war eine Ausgrenzung Religionsangehöriger im Generellen. Wir gehörten irgendwie zusammen, egal aus welchem Haus man kam. Vereint im Außenseitertum, das war es wohl. Jüdisch gefühlt habe ich mich nie. Das kam erst viel später, mit Gewißheit. Bis dahin zählte nur: Glaube oder nicht. Nicht war besser, um weiterzukommen. Doch waren die Steine, die mir in den Weg gelegt wurden nicht glaubensbedingt, sondern politischer Natur. Die Mutter nicht in der Partei, dazu seit dem Studium aufmüpfig, auch, wenn sie es erst bei Akteneinsicht erfuhr. Das Kind stellte unangenehme Fragen… das waren die Dinge, die mich umtrieben. Ich kann nicht sagen, daß ich eine schöne Schulzeit hatte. Sie war zum Teil traumatisch aus eben den benannten Gründen. Freiheit gab es nur in den eigenen vier Wänden. Daß das letztlich nicht so war, durfte meine Mutter Ende der 80er bei Gesprächen mit ihren zuständigen Bearbeitern erfahren. Die Gespräche abgehört. Nach dem Mauerfall, die Erkenntnis, daß die Wohnung verwanzt war. Was nützte es also, daß man dem Kind sagte, daß es etwas anderes in der Schule und den Freunden sagen sollte, als eben die Erwachsenen besprochen haben? So war meine Kindheit, eine Welt im Privaten, eine da draußen.

Die Bibel lernte ich schon als Kind kennen. Wenn auch nicht religiös, so doch aus dem von der DDR so ungeliebten intellektuellen Elternhaus. Mit dem Bibelwissen aber auch in der Schule arbeiten, das war nicht so gut, wie ich lernte. Bekenntnis zum Glauben an G’tt wurde mit Schlägen vergolten. Es war ein unbestimmter Glaube, keiner konkreten Religion zugeordnet. Die Schläge bewirkten kein Ende, sondern vielmehr das Gegenteil.

Geblieben aus dieser Zeit an dieser einen Schule sind die schlechten Erinnerungen, die Gewißheit, daß letztlich doch die Demokratie siegte, daß deren Welt zusammenbrach, während meine vielleicht erst geboren wurde. Geblieben ist auch der Respekt vor anderen Gläubigen, die Unbefangenheit, denn schließlich gehörten wir einmal einer gemeinsamen Gruppe an. Die DDR unterschied nicht, nicht in der Schule. Ausgeschlossen war ausgeschlossen. Geblieben ist auch der Trotz. Erst recht werde ich dort leben, wo man es kaum erwartet. Ich werde mich nicht beschneiden lassen in meiner Freizügigkeit, nur, weil meine Türpfosten Mesusot schmücken. Unbefangenheit im Umgang mit mir selbst kann ich nur erwarten, wenn ich selbst mit mir und den anderen unbefangen umgehe. So mein Resümee für mich. Jeder muß seinen Weg selbst finden. Dies scheint meiner zu sein. Bisher bin ich gut damit gefahren. Wir werden sehen, was das Leben weiter so bringt.

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5 Comments

  1. Grüß dich Juna.

    Ich denke, nun mittlerweile alle deine Beiträge und auch die Kommentare gelesen zu haben.

    Gerne würde ich dich offen fragen, was mir dabei noch nicht ganz klar geworden ist.

    Ist dein jüdisch-sein für dich nun wesentlich eine „völkische“ Zugehörigkeit, oder doch in erster Linie eine religiöse?

    Falls letzteres: Warum jüdisch?

    (Sollte dir die Frage zu persönlich sein, hätte ich Verständnis.)

  2. Hallo Noah,

    also beim Wort „völkisch“ kommt mir doch etwas Gänsehaut hoch. Deine Frage aber ist nicht so einfach zu beantworten.
    Ich denke aber, daß mein jüdisch sein religiös ist. Ja, manch einer wird nun vom Volk Israel sprechen etc.. Wenn man aber mit diesem Zugehörigkeitsgefühl nicht aufwächst, ist es vielleicht weniger ausgeprägt. Ich bin Deutsche. Meine Religion ist jüdisch, und dennoch ist es ein anderes religiös sein als z.B. für Christen, ein anderes Zugehörigkeitsgefühl, daß sich schwer in Worte fassen lässt. Ich frage mich nur gelegentlich, ob dieses Gefühl nicht auch durch die Außenwelt bestimmt ist. Dieses „Anders sein“ habe ich in der Form, wie ich es heute erlebe früher nicht gehabt. Es fängt schon damit an, wie Menschen reagieren, wenn sie erfahren, daß man Jude ist. Meist ist es ein erschrockener Blick, man sieht förmlich die Räder im Hirn arbeiten: „Wie muß ich mich verhalten, was darf ich noch sagen“. Ich finde das albern, überflüssig. Ich denke, solange solche Reaktionen vorhanden sind, wird das Gefühl, des anders sein bleiben. Ein Gefühl im übrigen, daß mir nicht gefällt. Ich werde sicherlich noch weiter darüber nachdenken, ganz auf den Punkt kann ich es noch nicht bringen. Werde es evtl. auch nie, denn alles unterliegt Veränderung.

    Zu Deiner Frage: warum jüdisch? Warum nicht? Es sind meine Wurzeln. Geschnuppert habe ich auch bei anderen Religionen, zuhause bin ich nur im Judentum – auch, wenn das jetzt schrecklich pathetisch klingen mag.

  3. Stimmt, „völkisch“ ist ein problematisches Wort (daher setzte ich es in Tüdelchen). Vielleicht hängt dieses „andere Zugehörigkeitsgefühl“ aber irgendwie damit zusammen, da (durch Prägung, Wissen um die Historie, oder anderes) auch irgendwie in diese Richtung ein klein wenig etwas mitschwingt? Das war jedenfalls eine gestrige leise Intuition…
    Lose mal dahingewürfelt: Das Christentum ist ja in seinem (geografischen) Ursprung keine mitteleuropäische Religion, wird aber im Bewusstsein der meisten Menschen hier dennoch so betrachtet. Mehr noch, es scheint seltsamerweise manchen europäischen Menschen (heute) in Vorderasien etwas fremd. Umgekehrt herrscht in Deutschland (resp. Mitteleuropa und anderen westlichen „christlichen“ Ländern) offenbar eine Furcht vor der Ausbreitung des Islam im „eigenen“ Land. M.E. hängt das nicht nur mit dem (extremistischen) Islamismus zusammen, sondern allgemein mit dessen vermeintlicher „Fremdheit“ – und eine solche Wahrnehmung eines vermeintlichen „Anderssein“ durch Dritte deutest du ja auch für das Judentum an. Dabei haben diese drei großen monotheistischen Religionen doch den gleichen geografischen, als auch den gleichen geistigen Ursprung.
    Anders als der Islam (lassen wir zeitweilige iberische und türkische Besonderheiten mal außen vor) ist das Judentum in Europa schon lange vertreten, dennoch nicht so „heimisch“ geworden wie das Christentum. Das mag wesentlich geschichtliche Gründe haben. Spielt u.a. vielleicht aber auch hinein, dass viele Juden eben auch eine (vlt. religiös durchdrungen und verwebt) „völkische“ Zugehörigkeit mit dem Wunsch nach einer geografischen Heimat (Israel) verspüren, was es im Christentum so eigentlich nicht gibt?
    (Bitte versteh mich nicht falsch, da soll keinerlei Wertung hineinspielen.)

    Du schreibst, deine Wurzeln seien das Jüdische, und dort fühlst du dich zu Hause. Darf ich dich fragen, ob du eigene spirituelle Erfahrungen gemacht hast, die dir das Judentum besonders bestätigt? (Diese Frage ist der Kern meines Vortastens seit gestern).

    Übrigens war mir auch „Schweigende Familien“ ein wichtiger Beitrag. Sich durch die eigene Familiengeschichte berühren zu lassen, bringt einem nicht nur die Historie in ganz anderer, weniger distanzierten Weise näher; das hat wohl auch etwas mit Wurzeln zu tun…
    Mein Großvater, den ich persönlich leider nicht mehr kennenlernen durfte, war ein „preußischer Beamter“, der wegen seiner Aufrichtigkeit (gegen das Nazi-Regime) im KZ war. Er hat es überlebt, blieb aber, so weit ich weiß, zeitlebens krank. Nach dem Krieg wurde er erst als Bürgermeister in einer Gemeinde eingesetzt, dann folgte die Vertreibung aus Schlesien. Weil er auch in der DDR seinen Mund wieder nicht halten konnte, musste er samt Familie in einer Nacht- und Nebelaktion in den Westen fliehen, und die Familie wurde für eine Weile auseinander gerissen. Meine Großmutter (also seine Frau) hat ihn, so erzählte man mir, oft verflucht, dass er nicht schwieg; sie wusste ohnehin kaum die Familie zu ernähren…
    Diese Geschichte (ich habe übrigens noch mehr über die Familiengeschichte erfahren dürfen) hat mich sehr bewegt, ein Nachdenken angestoßen, vielleicht auch geprägt…

  4. Du fragst nach eigenen spirituellen Erfahrungen.
    Hmm, dazu bin ich doch sehr pragmatisch. Ich fühle mich in der Synagoge wohl, finde alles logisch. Ich konnte hier meine Antworten finden, frei von Dogmen und vor allem mit der Aufforderung zu denken, selbst auszulegen, selbst aktiv zu werden, nichts vorgekaut zu bekommen. Ein Bekannter benannte einmal das Judentum als intellektuelle Religion. Ganz so verallgemeinern möchte ich es nicht. Es kommt viel auf die Lehrer an, auf die Gemeinschaft, auf den eigenen Willen, zu denken, zu hinterfragen. Aber es ist mit Sicherheit keine dumpfe Gemeinschaft, die irgendwelchen Gurus kommentarlos folgt.

    Das „Nicht-Heimisch-Werden“ ist m.E. allerdings nicht von Innen geboren, stattdessen vielmehr von außen. Ein nicht lassen führt auch zur Abkapselung. Die Ansiedelung der Juden in Europa hat nicht nur mit der Zerstörung des Tempels zu tun. In Europas Geschichte, hat das Christentum vieles zerstört. Eine Religion, die nicht expandieren will gegen eine, die dieses extensiv betreibt und sucht, andere „Konkurrenzunternehmen“ auszuschalten. Auch die Geschichte des Islam geht in Europa viel weiter als auf der Iberischen Halbinsel. Die Geschichte der Türken in Berlin z.B. ist viel länger als manch einer vermutet. Die gleichen geographischen Wurzeln oder nennen wir doch auch die geistigen Wurzeln beim Namen, die nun mal das Judentum sind, sind den wenigstens bekannt. Das durfte ich, wenn auch etwas erschreckt, während meiner Arbeit im Museum erfahren. Manche Illusion ist da abhanden gekommen. Auch damals lernte ich, daß das Wissen um die lange Geschichte gemeinsam, viele Gedanken ändert. Also, nur Wissen kann Vorurteile zerstreuen.

    Interessant aber auch der Umgang von atheistischen DDR-Geborenen. Hier erlebe ich wesentlich mehr Unbefangenheit, hier sehe ich noch immer das, indem ich aufwuchs – Religion ist Religion, es gibt keine Unterschiede und solange man keinen bekehren will… na, fast so denke ich ja auch.

    Die Geschichte Deines Großvaters finde ich sehr interessant und erinnert mich doch an meinen Urgroßvater. Wie oft wurde er von seiner wohlhabenden Tochter anfänglich freigekauft – konnte aber eben seinen Mund nicht halten. Er hat nicht überlebt, aber ich bin mir sicher, dieses Gen hat es.

  5. Ich danke dir für deine ausführliche Antwort, Juna.

    Du schreibst:

    „Hmm, dazu bin ich doch sehr pragmatisch. Ich fühle mich in der Synagoge wohl, finde alles logisch. Ich konnte hier meine Antworten finden, frei von Dogmen und vor allem mit der Aufforderung zu denken, selbst auszulegen, selbst aktiv zu werden, nichts vorgekaut zu bekommen. Ein Bekannter benannte einmal das Judentum als intellektuelle Religion. Ganz so verallgemeinern möchte ich es nicht. Es kommt viel auf die Lehrer an, auf die Gemeinschaft, auf den eigenen Willen, zu denken, zu hinterfragen. Aber es ist mit Sicherheit keine dumpfe Gemeinschaft, die irgendwelchen Gurus kommentarlos folgt.“

    Das kommt mir sehr bekannt vor. Ich würde es 1:1 auf das Christentum übertragen, so wie ich es mehr als 3 1/2 Jahrzehnte als aktiver Katholik nach dem II. VK überwiegend kennengelernt habe (hinsichtlich der deutschen Katholiken haben da ja viele Nicht-Christen ein schiefes Bild von den „Schäfchen“).

    Mittlerweile gehöre ich (leider) keiner Religionsgemeinschaft mehr an, würde mich aber dennoch auf meine Weise als einen tief „religiösen“ Menschen bezeichnen, mit großem Interesse am Verbindenden zwischen den Religionen (wohl daher meine Frage nach deinen spirituellen Erfahrungen).

    Du hast Recht: Wissen ist wichtig, um Vorurteile abzubauen. Auch das Wissen um die Unterschiedlichkeit von Menschen innerhalb von allzuleicht pauschaliert betrachteten Gemeinschaften.

    Danke.

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